#037 Spur im Permafrost
Shownotes
In dieser Folge: 1918 breitet sich eine Grippe über die Welt aus, die zunächst harmlos erscheint. Viele Menschen erkranken – doch die meisten überleben. Dann kommt der Herbst. Und plötzlich verändert sich alles.
Innerhalb weniger Wochen wird aus einer gewöhnlichen Krankheit eine der tödlichsten Pandemien der Geschichte. Millionen Menschen sterben. Besonders rätselhaft: Gerade junge Erwachsene trifft es besonders schwer.
Diese Folge folgt der Spur der Spanischen Grippe – von Militärlagern und Truppentransporten bis in ein abgelegenes Dorf in Alaska. Dort, im Permafrost, findet die Wissenschaft Jahrzehnte später einen entscheidenden Hinweis auf das Virus, das die Welt veränderte.
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🔎Quellen:
- Brevig Mission
- Village grave led to virus breakthrough
- The Story of Birch Creek and Brevig Mission
- The 1918 Spanish Flu—A Conspiracy of Silence Die schnelle, tödliche Geschichte der Spanischen Grippe
- Die Spanische Grippe
- Die ‘Mutter aller Pandemien’: eine kurze Geschichte der ‘Spanischen Grippe’ 1918/1919
🎵Musik:
- Diamond von Grand_Project
- Ambient Piano Logo von moodmode
- Marching Band Parade Ambience von Thepodcastdoctor
- American Parade von Fae Spencer
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Transkript anzeigen
00:00:01: Heute wird es medizinisch.
00:00:04: Die eigentliche Spannung dieser Geschichte liegt zumindest für mich in der Krankheit selbst, doch diese Krankheit ist so groß – sie ist zu groß für eine einzige Folge!
00:00:17: Man könnte viele Stunden über Sie sprechen.
00:00:20: Deshalb erzähle ich heute nicht Ihre gesamte Geschichte.
00:00:24: Wir begleiten nur eine einzige Reise dieser Krankheit Eine Reise, die von Militärlagern in Amerika über den Atlantik nach Europa führt und schließlich wieder zurück.
00:00:41: Anfang November, Jahrzehnte.
00:00:46: Alaska Westküste liegt bereits unter einer dünnen Schicht aus Eis.
00:00:51: Der Winter kündigt sich an Das Meer ist unruhig Die Sonne selten zu sehen.
00:00:58: In diesen Tagen erreichen die Behörden der kleinen Goldgräberstadt Nome Beunruhigende Nachrichten.
00:01:05: Aus den Dörfern entlang der Küste kommt keine Post mehr.
00:01:09: Händler berichten, dass ganze Siedlungen verstummt sind.
00:01:13: Besonders aus einem kleinen Dorf auf der Seabird-Halbinsel Kommt seit Tagen kein Lebenszeichen mehr.
00:01:21: Brevik Mission Brevik mission ist kein großer Ort.
00:01:27: Ein paar Dutzend Häuser Eine kleine Kirche und eine Dorfstraße.
00:01:32: Mehr hat das Dorf nicht zu bieten.
00:01:35: Hier leben ausschließlich Inuits.
00:01:38: Die Männer gehen fischen und auf die Jagd, die Frauen behalten die spielenden Kinder im Auge während sie in dampfenden Kochtöpfen rühren.
00:01:47: Doch nun scheint dort niemand mehr zu antworten.
00:01:51: Schließlich wird eine kleine Gruppe zusammengestellt Männer aus Nome, Goldsucher, Händler allesamt Freiwillige.
00:02:00: Sie sollen nachsehen, was in Braddock-Mission geschehen ist.
00:02:04: Vielleicht ist das Dorf einfach eingeschneit?
00:02:07: Vielleicht sind alle krank – vielleicht brauchen sie Hilfe!
00:02:12: Der Weg dorthin ist beschwerlich.
00:02:15: Die Männer fahren mit Hundeschlitten entlang der gefrorenen Küste über Schnee und Eis.
00:02:25: und den dunklen Streifen des Meeres.
00:02:34: Als sie schließlich das Dorf erreichen, ist es still – unheimlich still!
00:02:41: Die Hunde bellen nicht, niemand kommt ihnen entgegen.
00:02:45: Es sind keine Rauchfahren über den Schornsteinen zu sehen.
00:02:49: Die Türen der Häuser sind nicht geschlossen.
00:02:52: Einige stehen einen Spalt offen als hätte sie jemand hastig verlassen.
00:02:58: die Männer steigen von den Schlitten.
00:03:00: Sie gehen von Haus zu Haus.
00:03:03: Im ersten Haus finden sie eine Familie, reglos auf den Betten im nächsten Haus das selbe Bild.
00:03:11: die Krankheit muss schnell gekommen sein.
00:03:15: einige Menschen haben Decken über sich gezogen andere sind offenbar mitten im Alltag zusammengebrochen doch nicht alle sind tot.
00:03:24: in einigen Häusern treffen die Helfer auf Kinder neben ihren Eltern.
00:03:32: Manche haben versucht, sie zu wecken andere haben tagelang gewartet.
00:03:38: einige sind zu schwach um überhaupt aufzustehen.
00:03:42: die Männer versuchen die Kinder zu versorgen ihnen Wasser zu geben sie zu beruhigen doch schnell wird klar wie groß die Katastrophe ist.
00:03:53: von den etwa achtzig Bewohnern des Dorfes leben nur noch weniger.
00:03:58: für die Toten bleibt nur eine Möglichkeit Die Männer beginnen, ein großes Grab oberhalb des Dorfes auszuheben.
00:04:06: Der Boden ist hart gefroren – die Arbeit dauert lange.
00:04:10: Einer nach dem anderen werden die Körper hinaufgetragen und nebeneinander gelegt.
00:04:16: Am Ende stehen dort rein einfacher weißer Kreuze.
00:04:21: Das kleine Dorf an der Beringsee hat innerhalb weniger Tage fast seine gesamte Bevölkerung verloren Und während die Männer noch damit beschäftigt sind, die Überlebenden nach Nome zu bringen wird klar – das was hier geschehen ist, ist kein Einzelnes Unglück.
00:04:41: Es ist Teil einer Katastrophe, die sich in diesen Monaten über die ganze Welt ausbreitet von Militärlagern in Amerika über die Schlachtfelder Europas bis in die entlegensten Siedlungen der Arktis.
00:05:11: Willkommen zu Geschichten der Medizin, dem Podcast über medizinische Schicksale, historische Wendepunkte und spektakuläre Fälle.
00:05:24: Ich bin Kerstin – Ärztin und Erzählerin.
00:05:30: Lasst uns gemeinsam auf eine Reise gehen durch Seuchen, Entdeckungen und dramatische Diagnosen mal weltbewegend, mal ganz persönlich immer medizinisch Immer spannend.
00:05:51: Spur im Permafrost, die spanische Grippe von eighteen.
00:06:01: Im Jahr und achtzehn beginnt eine Krankheitswelle wie ihren Ursprung eventuell in China vielleicht in Frankreich und ziemlich wahrscheinlich in den USA hat.
00:06:14: Im März diesen Jahres hat es der Landarzt und Leichenbeschauer Dr.
00:06:19: Loring Winton-Meiner in dem beschaulichen Haskell County in Kansas mit außergewöhnlich vielen und schweren Krankheitsfällen zu tun.
00:06:29: Die Patienten klagen alle über Kopf- und Liederschmerzen, schweres Krankheitsgefühl, trockenen Husten und hohes Fieber.
00:06:37: Eine ältere Frau und zwei weitere Patienten sterben Aber weil die Welle schon im selben Monat wieder abäppt, unternehmen die US-Gesundheitsbehörden nichts.
00:06:48: Obwohl Doktor Meiner besorgt, die Krankheitsfälle dort gemeldet hat.
00:06:54: Normalerweise wäre es das gewesen – Die Krankheit hätte sich nicht weiter ausgebreitet… aber... Die USA sind in den Ersten Weltkrieg eingetreten und die amerikanischen Militärs bereiten sich auf ihren Einsatz jenseits des Atlantiks vor.
00:07:13: Es kommt zu großen Truppenbewegungen, Ansammlungen von Tausenden Soldaten in Kasernen- und Ausbildungscamps – so auch im dreihundert Kilometer entfernt gelegenen riesigen Camp Fansten!
00:07:28: Hier sind bis zu sechsundfünfzigtausend Rekruten gleichzeitig kassäniert, um das Kriegshandwerk zu lernen.
00:07:36: Dazu kommt – dass es kalt ist!
00:07:39: Die nur unzureichend mit warmer Kleidung ausgerüsteten Soldaten halten sich bevorzugt in Innenräumen auf.
00:07:47: Anfang März treten dann die ersten Fälle mit Grippesymptomen auf.
00:07:52: Innerhalb von Tagen erkranken mehrere tausend Soldaten aber es sterben in Anführungsstrichen nur achtunddreißig.
00:08:01: Nicht auffällig genug, um in Kriegszeiten tausende wenn nicht zehntausende unter Quarantäne zu stellen.
00:08:09: und schlimmer durch Truppenbewegungen verteilt sich die Grippe auf andere Militärlager in der Umgebung.
00:08:17: das erscheint jedoch zunächst nicht so gravierend.
00:08:21: diese Grippe ist zwar ansteckend Aber der Krankheitsverlauf ist ziemlich mild.
00:08:27: Manche Ärzte halten sie deshalb nicht einmal für eine richtige Grippe, also werden die Soldaten nach Europa verschifft – insgesamt µm in den letzten sechs Monaten des Ersten Weltkrieges!
00:08:43: Das bedeutet Tausende pro Schiff auf dem größten Truppenschiff Der USS Leviathan, sogar bis vierzehntausend Soldaten.
00:08:55: Und allein dieses Schiff fährt zehnmal mit einer vollen Ladung Soldaten über den Atlantik.
00:09:03: Während die Angehörigen um ihre Söhne und Brüder bangen weil sie Angst haben dass diese in Europa an der Front sterben passiert etwas Vollkommen anderes.
00:09:14: Manche US-Soldaten erreichen Europa gar nicht lebend.
00:09:18: Hunderte von ihnen sterben auf den überladenden Schiffen an der Grippe.
00:09:23: Und es sterben sogar schon Soldaten, bevor die Schiffe überhaupt ablegen können!
00:09:28: Sie werden von Deck genommen und die Schiffe stechen dennoch mit ihren Kollegen in See – und mit ihnen reisen die Viren.
00:09:37: Bei einer Reise erkranken zweitausend Soldaten an Bord.
00:09:42: Siebzig sterben auch hoher See, einund dreißig am Ankunftstag im Brest und vierzehn am nachfolgenden Tag.
00:09:51: Und das wiederholt sich auf jeden Truppentransport in ähnlicher Weise!
00:09:56: Viele sterben, die überlebenden Soldaten bringen die Viren nach Frankreich und England mit.
00:10:03: Zunächst stecken sie dort französische und englische Soldaten an – und die tragen die Viern schließlich in ihre Heimatstädte und Familien.
00:10:13: So verbreitet sich die neue Krankheit blitzschnell In Deutschland, Spanien Russland Indien und China letztendlich in ganz Europa und Asien.
00:10:25: Die Krankheits- und Todesfälle übersteigen alles bisher Dagewesene Und damit lässt es sich eigentlich nicht mehr leugnen.
00:10:34: Es handelt sich um eine Pandemie.
00:10:38: Nun befinden wir uns jedoch in einem Krieg Und da möchte man seinem Feind nicht verraten, dass gerade so viele eigene Soldaten dahingerafft werden.
00:10:48: Daher schweigen die offiziellen und damaligen Medien.
00:10:53: Die Pandemie findet in den Zeitungen nicht statt!
00:10:56: Lediglich das neutrale Spanien benennt die Katastrophe – und so bekommt die Krankheit ihren Namen.
00:11:09: wütet in Schützengräben und in der Zivilbevölkerung von ganz Europa.
00:11:15: Aber warum sterben jetzt so viele Menschen?
00:11:20: Ein Virus ist kein richtiges Lebewesen, es hat keinen eigenen Stoffwechsel, keine Energieproduktion, keine Fähigkeit sich selbstständig zu vermehren.
00:11:32: Ein Virus isst eher eine Art biologischer Bauplan – ein kleines Paket genitischer Information.
00:11:41: Und genau deshalb braucht es einen Wirt.
00:11:44: Ohne eine lebende Zelle kann ein Virus praktisch nichts tun!
00:11:50: Das gilt auch für das Virus der Influencer, also für das Grippevirus.
00:11:56: Stellt man sich ein Influenzer-Virus vor?
00:11:59: Dann sieht man unter dem Elektronenmikroskop eine winzige Kugel – ungefähr hundert Nanometer groß.
00:12:07: So klein dass Milliarden davon auf eine Stecknadelspitze passen würden.
00:12:13: Ganz außen besitzt das Virus eine Hülle aus Fett.
00:12:18: Diese Fettschicht stammt ursprünglich von einer Zelle, die das Virus zuvor infiziert hat.
00:12:24: Als das Virus die Zelle verlassen hat, hat es einfach ein Stück der Zellmembran mitgenommen.
00:12:31: In diese Hüllen ragen kleine Eiweißstrukturen hinein, Zwei davon sind besonders wichtig.
00:12:42: Helmagglutinin zum Reinkommen in die Wirtszelle und Neuraminidase zum Rauskommen aus der Wirtszelle.
00:12:52: Sie geben dem Virus auch seine berühmten Namen, wie H-I-N-I oder H-III-N II.
00:13:01: Diese Proteine sind also so etwas wie die Werkzeuge des Virus.
00:13:07: Mit Ihnen kann es an Zellen andocken und später wieder entkommen.
00:13:12: Unter dieser Hülle liegt eine Art inneres Gerüst aus Proteinen, das dem Virus Stabilität verleiht.
00:13:20: Und im Zentrum befindet sich das eigentliche Herz des Virus – seine RNA also sein genetischer Bauplan!
00:13:30: Anders als viele andere Viren, besitzt das Influencer-Virus nicht einen einzigen langen RNA-Strang sondern acht getrennte RNA-Segmente.
00:13:43: Jedes dieser Segmente enthält die Bauanleitung für bestimmte Virusproteine.
00:13:50: Doch auch diese RNA liegt nicht lose im Inneren – sie ist eng mit Proteinen verbunden, die sich stabilisieren und schützen!
00:13:59: Man kann sich das vorstellen wie acht kleine sorgfältig verpackte Baupläne, die gemeinsam im Inneren dieser winzigen Kugel transportiert werden.
00:14:10: So aufgebaut treibt das Virus durch die Luft in winzige Tröpfchen, die beim Sprechen Husten oder Miesen freigesetzt werden.
00:14:21: Doch so lange das Virus nur draußen existiert ist es praktisch inaktiv.
00:14:27: Es kann weder Schaden anrichten, noch sich vermehren.
00:14:32: Um aktiv zu werden braucht es eine lebende Zelle und genau hier beginnt einer Art mikroskopischer Kriminalfall.
00:14:42: Das Virus schwebt also in der Atemluft und landet schließlich auf der Schleimhaut der Atenwege.
00:14:49: Dort trifft es auf Zellen die die Oberfläche unserer Bronchen- und Luftröhre auskleiden.
00:14:55: Auf der Oberflächen dieser Zellen sitzen bestimmte Zuckerstrukturen, sogenannte Sialinsäuren.
00:15:03: Sie erfüllen im Körper eigentlich ganz normale Aufgaben bei der Kommunikation zwischen Zellen.
00:15:09: Für das Influenza-Virus allerdings haben sie noch eine andere Funktion.
00:15:15: Sie wirken wie Türklinken an denen das Virus andocken kann.
00:15:20: Die Hemaglutinin-Proteine auf der Oberfläche des Virus sind genau dafür gebaut, sich an diese Moleküle zu binden.
00:15:29: Das Virus heftet sich an die Zelloberfläche – zunächst ganz unscheinbar!
00:15:35: Doch diese Bindung löst in der Zelle einen Prozess aus.
00:15:39: Die Zellmembran beginnt sich um das Virus zu stilten.
00:15:43: Langsam wird das Virus von der Zellmembran umschlossen bis es schließlich vollständig ins Zellinnere aufgenommen wird.
00:15:52: Jetzt ist es ein Wolf im Schafspelz, wie ein Material umgeben von der Membran der Wirtszelle – die Zelle merkt nicht was sie sich da eingehandelt hat!
00:16:04: Sie glaubt gewissermaßen, sie habe etwas harmloses aufgenommen, etwas eigenes aber weit gefehlt denn im Inneren passiert etwas anderes.
00:16:16: Die Hülle des Virus öffnet sich, die acht RNA-Segmente werden freigesetzt und gelangen in den Zellkern.
00:16:25: Dort beginnt das Virus die Maschinerie der Zelle zu kapern.
00:16:29: Die Zelle produziert nun nicht mehr ihre eigenen Proteine sondern Virusproteine.
00:16:36: Gleichzeitig werden unzählige Kopien der viralen RNA hergestellt.
00:16:42: Die Zelle ist zu diesem Zeitpunkt bereits zu einer Virusfabrik geworden.
00:16:47: Die frisch kopierten RNA-Segmente werden mit Proteinen verpackt, neue Helmoglutinin und neuraminidase Moleküle werden in die Zellmembran eingebaut – eine Viruskopie ist fertig!
00:17:03: Die neuen Viren drücken sich quasi durch die Zellenmembranes.
00:17:07: Nehmen dabei wieder ein Stück dieser Membrane mit und erhalten so ihre charakteristische Fethülle.
00:17:15: Die neuere Minidase hilft ihnen dabei, sich von der Zelloberfläche zu lösen damit sie nicht sofort wieder an derselben Zelle festkleben.
00:17:25: Wie viele Viren dabei entstehen ist schwer exakt zu bestimmen doch aus einer einzigen infizierten Zelle können zehntausend neue Viruspartikel hervorgehen.
00:17:38: Jedes des Vieren kann wiederum neue Zellen infizieren.
00:17:43: Und genau so breitet sich eine Grippeinfektion im Körper aus, Zelle für Zelle in einem Prozess der sich Millionenfach wiederholt.
00:17:55: Aus einem winzigen Virus können innerhalb weniger Stunden zig Tausende werden und aus tausenden durch exponentielle Vermehrung schließlich Milliarden.
00:18:08: Jetzt könnte man natürlich denken Ja und?
00:18:11: Was ist denn daran so schlimm?
00:18:14: Im Darm haben wir doch auch ganz viele Bakterien.
00:18:17: Warum wird man krank, und stirbt eventuell sogar daran!
00:18:22: Und das stimmt auch irgendwie... Die Viren bringen uns nicht direkt um.
00:18:28: Sie haben keine Waffen mit denen sie Zellentöten oder Gewebe zerstören.
00:18:33: Das geht subtiler.
00:18:36: Sie lassen uns selbst den Job erledigen.
00:18:39: stellen wir uns die Schleimhaut der Atemwege wie eine große, gut organisierte Fabrikhalle vor.
00:18:46: Millionen Zellen arbeiten hier Tag und Nacht – jede hat ihre Aufgabe!
00:18:51: Manche produzieren Schleimen, der Staub-und Keime einfängt andere tragen winzige bewegliche Herrchen Flimmerherchen, die diesen Schlein wie ein Förderband langsam nach oben transportieren bis er schließlich aus den Atemwegen entfernt wird.
00:19:10: Alles funktioniert ruhig, präzise und zuverlässig.
00:19:15: Dann taucht ein Virus auf – das Virus der Influenza!
00:19:21: Sobald es in eine Zelle gelangt beginnt ein Prozess, der sich am besten mit einer Sabotage-Aktion in einer Fabrik vergleichen lässt.
00:19:30: Die Zelle wird übernommen.
00:19:33: statt ihre eigentliche Arbeit zu verrichten, produziert sie plötzlich nur noch Virusbestandteile.
00:19:39: Das habe ich vorhin ja schon erklärt!
00:19:42: Man kann sich das vorstellen als würde in einer Autowerkstatt plötzlich jemand alle Maschinen umprogrammieren.
00:19:50: Die Fließbänder die eigentlich Autos bauen sollten, produzieren nun ausschließlich Teile für sagen wir mal Fahrräder.
00:19:59: Die Zelle stellt also keine Bausteine mehr für den Körper her, sondern nur noch für das Virus.
00:20:07: Währenddessen sammeln sich im Inneren immer mehr neue Viruspartikel an – die Zelle arbeitet auf Hochtouren aber für den falschen Zweck!
00:20:18: Es ist als würde man eine Fabrik zwingen rund um die Uhr zu arbeiten ohne Wartung, ohne Pause und ohne Rücksicht auf Schäden.
00:20:30: Irgendwann hält die Struktur dieser Zelle das nicht mehr aus.
00:20:34: Viele infizierte Zellen sterben und damit beginnt der eigentliche Schaden im Gewebe, denn diese Zellen waren keine unwichtigen Statisten.
00:20:45: Besonders häufig befällt das Influencer-Virus die Flimmerepithelzellen.
00:20:51: Wenn diese Zeln ausfallen ist es so als würde in unserer Fabrik plötzlich das gesamte Reinigungssystem zusammenbrechen!
00:21:01: Normalerweise werden Staub, Bakterien und Schmutz zuverlässig nach Außentransportiert.
00:21:07: Doch jetzt bleiben sie liegen!
00:21:10: Schleim sammelt sich an – Fremdstoffe bleiben in den Atemwegen hängen.
00:21:15: Die Schutzfunktion der Schleimbaut bricht zusammen.
00:21:19: Man könnte sagen die Stadtmauer ist plötzlich voller Löcher.
00:21:24: Und noch etwas geschieht….
00:21:27: Das Immunsystem entdeckt die infizierten Zellen.
00:21:31: Für den Körper sind sie nun Verräter, Zellen die von einem Eindringling übernommen wurden.
00:21:38: Also greift das Immunsystem an.
00:21:41: Abwehrzellen beginnen diese infizierten Zellen gezielt zu zerstören.
00:21:46: Es ist ein radikaler aber notwendiger Schritt Lieber opfert der Körper einzelne Zellen als dem Virus freie Bahn zu lassen.
00:21:57: Doch auch das hat Folgen.
00:22:00: Man kann sich das vorstellen wie eine Straße, deren Asphalt plötzlich aufgerissen wird.
00:22:06: Die glatte Oberfläche existiert nicht mehr.
00:22:10: Stattdessen entstehen offene Stellen in denen sich andere Keime festsetzen können.
00:22:16: und jetzt kommen die großen Brüder der Viren – die Bakterien ins Spiel!
00:22:22: Genau deshalb treten bei einer Grippe so häufig bakterielle Lungenentzündung auf.
00:22:29: Und das ist ein riesengroßes Problem, denn ganz viele Menschen sterben gar nicht an der Grippe sondern eben an diesen folgenden bakteriellen Lungenentzündung.
00:22:44: Während all das geschieht läuft gleichzeitig ein zweiter Prozess im Körper ab – die Entzündungsreaktion!
00:22:53: Sobald das Immunsystem den Angriff bemerkt hat schüttet es Botenstoffe aus sogenannte Zytokine.
00:23:02: Diese Moleküle sind gewissermaßen die Alarmglocken des Körpers, sie mobilisieren weitere Abwehrzellen, erhöhen die Durchblutung und verändern die Aktivität vieler Organe.
00:23:16: Doch diese Alarmreaktion hat Nebenwirkungen.
00:23:21: Fieber entsteht weil das Gehirn die Körpertemperatur bewusst anhebt.
00:23:26: Eine höhere Temperatur kann die Virusvermehrung bremsen.
00:23:31: Und weil das Immunsystem mit einer heftigen Entzündungsreaktion antwortet, leiden wir an Muskelschmerzen und Müdigkeit.
00:23:41: Viele Symptome der Grippe sind also nicht direkt das Werk des Virus – sie sind Teil der Abwehrreaktionen!
00:23:50: Was passiert also?
00:23:52: Nun stellt sich allerdings noch eine weitere Frage….
00:23:56: Warum ist die zweite Welle so viel schlimmer als die erste?
00:24:02: Um das zu begreifen, müssen wir zwei völlig verschiedene Prozesse unterscheiden, die bei Viren vorkommen können.
00:24:10: Die Maskerade des Virus und seine wachsende Schlagkraft.
00:24:15: Zuerst die Maskerad.
00:24:18: Wir nennen das Antigen-Drift.
00:24:22: Viren haben Oberflächenantigene – die habe ich vorhin ja schon erklärt an denen unser Immunsystem sie erkennt, wie ein Streifen auf einer Uniform.
00:24:32: Da sich das Virus bei jeder Vermehrung winzige Kopierfehler erlaubt – also Mutationen entstehen – verändert sich das Aussehen dieser Oberfläche ständig.
00:24:42: Aus zwei Streifen werden metaphorisch drei.
00:24:46: Sollte so eine Antigendrift stattgefunden haben Dann könnte eine schon im Frühjahr, und abgeschwächt sein, weil das Virus nicht sofort als solches erkannt wird.
00:25:00: Das Immunsystem stünde sozusagen vor einer neuen Uniform – und wüsste nicht so fort – dass es den alten Feind vor sich hat!
00:25:09: Aber das würde noch nicht erklären, warum die Krankheit plötzlich so viel schwerer verlief... Hier kommt der zweite Prozess ins Spiel… Die Zunahme der Virulenz, also der eigentlichen Aggressivität eines Erregers.
00:25:27: Normalerweise befindet sich ein Virus in einer evolutionären Zwickmühle.
00:25:32: Es darf sein Wirt nicht zu schnell töten Sonst stirbt es mit ihm bevor er wird einen neuen Menschen anstecken kann.
00:25:41: Doch im ersten Weltkrieg gibt es keine normale Umgebung mehr.
00:25:46: Die katastrophale Engel in den Schützengräben und auf den Truppentransportern ist das reinste Paradies für ein Virus.
00:25:55: Da es vor potentiellen Opfern ringsherum nur so wimmelt, könnte es sich erlauben sein wird richtig krank zu machen!
00:26:05: Denn selbst wenn der sich so schlecht fühlen würde dass er sich gar nicht mehr rühren könnte Würde er trotzdem seine Bettnachbarn in der überfüllten Kaserner oder seinen Kollegen im Schützengraben anstecken können.
00:26:20: Das wäre eine tödliche Kombination, ein noch aggressiveres Virus das nicht einmal gut erkannt wird.
00:26:29: Ob und welcher dieser Mechanismen Ninzenhundertachtzehn vorlag ist unbekannt!
00:26:37: Aber Antigiendrift und gesteigerte Virulenz sind anerkannte virologische bzw.
00:26:42: evolutionäre Prinzipien.
00:26:46: Ihr seht schon, das ist weder eindeutig noch einfach!
00:26:52: Das Problem ist eben dass die spanische Grippe mir als hundert Jahre zurückliegt.
00:26:58: also lasst uns das jetzt eher weniger wissenschaftlich auf diese Erkrankung herunterbrechen.
00:27:04: Was ist wohl passiert?
00:27:08: Während der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr, zirkuliert offenbar noch eine relativ milde Variante des Virus.
00:27:17: Viele Menschen erkranken – aber die meisten überleben!
00:27:22: Dann kommt der Sommer und mit ihm ein wohlverändertes Virus.
00:27:28: Die Krankheit, die im Frühjar noch wie eine gewöhnliche Grippe gewirkt hat wird nun zu einer der tödlichsten Infektionen der modernen Geschichte.
00:27:38: Diese zweite Welle der spanischen Grippe breitet sich explosionsartig über den Globus aus.
00:27:45: Besonders betroffen sind Militärlager, Truppentransporte und Hafenstädte.
00:27:51: Millionen Soldaten bewegen sich in dieser Zeit über Kontinente hinweg – eine ideale Infrastruktur für die Verbreitung eines möglicherweise veränderten Virus.
00:28:02: Eine scheinbar gewöhnliche Grippe verwandelt sich innerhalb weniger Monate in eine Pandemie, die weltweit Millionen Menschen das Leben kostet.
00:28:15: Die Symptome sind derartig schwerwiegend – dass Fieber so hoch die Gliederschmerzen so stark, Dazu kommen schwere Kopfschmerzen und Blutungen aus Augen, Nase, Mund- und Ohren.
00:28:37: Lungenschäden wie bei der spanischen Grippe kennt man damals eigentlich nur von Senfgas.
00:28:43: Bei manchen Patienten entwickeln sich große Luftansammlungen unter der Haut weil die Atemluft sich ihren Weg durch das zerstörte Lungewebe warnt.
00:28:53: Und wie kommt es zu der Zerstörung der Lunge?
00:28:57: Am Anfang findet die Infektion in den oberen Atemwegen statt.
00:29:01: Dort vermehrt sich das Influencer-Virus zuerst, aber die Atemwege sind kein abgeschlossenes System.
00:29:09: Alles was oben entsteht – Schleim-, Viren-, abgestorbene Zellen kann mit jedem Atemzug weiter nach unten gelangen und unten liegt die Lunge.
00:29:21: Dort befinden sich Millionen winziger Lungenbläschen, Sie sind zu etwas wie kleine Luftsäcke.
00:29:29: In ihnen passiert der eigentliche Zweck des Atmens.
00:29:34: Sauerstoff geht aus der Luft ins Blut über, diese Struktur ist extrem fein gebaut.
00:29:42: zwischen Luft und Blut liegt nur eine hauchdünne Membran dünner als ein Blatt Papier im Verhältnis zur Größe eines Hauses.
00:29:53: Das ist perfekt für den Sauerstoffaustausch.
00:29:57: Aber genau deshalb ist die Lunge auch empfindlich!
00:30:01: Wenn nun Viruspartikel in diese Regionen gelangen, reagiert das Immunsystem sofort.
00:30:07: In der Lunge sitzen spezielle Abwehrzellen, die wie Wächter arbeiten.
00:30:12: Sobald sie Virusbestandteile erkennen, senden Sie Alarmstoffe aus – die vorhin erwähnten Zytokine.
00:30:23: Diese Stoffe sind im Grunde Hilferufe.
00:30:27: Sie rufen weitere Immunzellen herbei.
00:30:29: Normalerweise ist das hilfreich, die Abwehr kommt bekämpfte Infektion und danach beruhigt sich alles wieder.
00:30:38: Aber jetzt kommt wieder so ein blumiger Begriff ins Spiel Der Zytokinsturm.
00:30:46: Und der Name suggeriert ja schon etwas Heftiges Ein Sturm ist halt kein laues Windchen.
00:30:53: Bei einem Zytokinstorm ist die Alarmreaktion so stark, dass immer mehr Abwehrzellen in die Lunge strömen.
00:31:02: Und jede dieser Zellen setzt wiederum neue Zytorchine frei – der Alarm verstärkt sich also selbst!
00:31:12: Es entwickelt sich eine Überreaktionen ein kaum zu stoppender Zirkulus viciosus.
00:31:19: Man kann sich das vorstellen wie ein Brandalarm in einem Gebäude.
00:31:24: Erst kommen ein paar Feuerwehrwagen, dann immer mehr.
00:31:28: Schließlich steht das ganze Gelände voller Feuerwehrfahrzeuge und alle Spritzen Wasser.
00:31:36: Irgendwann steht das Gebäud unter Wasser – genau das geschieht in der Lunge!
00:31:42: Die Zytokine machen die kleinen Blutgefäße in den Lungenbläschen durchlässig.
00:31:47: Flüssigkeit tritt aus den Gefäßen aus und gelangt in die Alveolen.
00:31:53: Diese Bläschen sollten eigentlich mit Luft gefüllt sein.
00:31:57: Jetzt sind sie teilweise mit Flüssigkeiten, Eiweißen- und Immunzellen gefüllt – und damit bricht der Gas austauscht zusammen!
00:32:07: Der Sauerstoff kann nicht mehr richtig ins Blut gelangen.
00:32:11: Der Körper bekommt nicht mehr genug Sauerstoffs, obwohl der Patient weiterhin Luft Einatmet.
00:32:19: Wenn der Sauerstoffgehalt im Blut stark abfällt, wird das Blut dunkler.
00:32:24: In den fein gefesender Haut schimmert diese dunkle Farbe nach außen und das Gesicht der Patienten erscheint blau oder violett.
00:32:34: Das nennt man Syranose.
00:32:36: Genau das passiert auch während der spanischen Grippe.
00:32:40: Viele der Sterbenden haben eine Blauverfarbung der Gesichtshaut.
00:32:45: Man kann also leicht erkennen wenn der Tod ruft.
00:32:49: Und, wenn das Virus den Job – wenn man mal so sagen darf – nicht erledigt?
00:32:54: Dann kommen die Bakterien und sorgen für eine bakterielle Lungenentzündung.
00:33:00: Eine sogenannte bakterielle Superinfektion.
00:33:04: Mindestens so tödlich wie die eigentliche Grippe!
00:33:09: Zwischen September- und November-Noenzenhundertachzehn sterben so mindestens dreiundzwanzigtausend amerikanische Soldaten verteilt über ganz Europa.
00:33:22: Höchstwahrscheinlich sind es deutlich mehr, weil niemand weiß wie viele in den Schützengräben sterben – nicht an Gas oder Schrappnellen sondern hustend und fiebernd!
00:33:35: Aber warum sterben eigentlich so viele Soldaten?
00:33:40: Die saisonale Grippe ist doch vor allem für Babys-und alte Menschen gefährlich.
00:33:46: Soldaten müssten doch genügend Abwehrkräfte haben.
00:33:50: Die Antwort ist unbefriedigend!
00:33:54: Man wusste es damals nicht, aber man weiß es auch heute nicht wirklich.
00:33:59: Fest steht nur dass die spanische Grippe eben nicht nur bei den ganz jungen und ganz alten sondern vor allem bei den jungen Erwachsenen zwischen zwanzig-und vierzig Jahren wütete.
00:34:13: Gut vierzig Prozent der Todesopfer gehörten dieser Altersgruppe an.
00:34:18: Ein Grund könnte sein, dass ihr relativ junges Immunsystem einfach noch nicht genügend Bekanntschaft mit Grippevieren gemacht hatte und dadurch sofort in Alarm versetzt wurde.
00:34:32: Andererseits haben junge Erwachsene im Gegensatz zu Kindern ein fertig entwickeltes – hochaktives Immunsystem.
00:34:46: Eventuell brachte sie also genau das, ihr gut funktionierendes Immunystem um – der vorhin schon erwähnte Zytokinstoren!
00:34:57: Wie schon so oft?
00:34:59: Jede Medaille hat zwei Seiten.
00:35:02: und dann gibt es noch ein weiteres bemerkenswertes Phänomen im Zusammenhang mit der spanischen Grippe.
00:35:09: Kurz nach der Pandemie trat weltweit eine rätselhafte neurologische Krankheit auf, die sogenannte Encephalitis litagica.
00:35:21: Viele Patienten litten unter extremer Schläfrigkeit und entwickelten später Parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen.
00:35:30: Oft blieben sie jahrelang oder sogar Jahrzehntelang in einer Art Dämmerzustand.
00:35:37: Der zeitliche Zusammenhang mit der Pandemie ist auffällig.
00:35:41: Doch ein direkter Beweis, dass das Influencer-Virus selbst das Gehirn infizierte konnte bis heute nicht erbracht werden.
00:35:49: Viele Forscher vermuten deshalb eher eine vielgeleitete Immunreaktion nach einer Virusinfektion – also eine Art Autoimmunreraktion!
00:36:00: Und wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei ein Buch empfohlen Awaknings oder Zeit des Erwachens von dem amerikanischen Neurologen Oliver Sex.
00:36:13: Keine trockene Kost, sondern ein emotionaler Medizinkrimi!
00:36:18: Ich habe das Buch schon mehrfach verschlungen – absolut zu empfehlen.
00:36:23: Darüber werde ich sicher auch noch mal eine Episode machen.
00:36:27: Aber folgen wir weiter der Influenza.
00:36:31: Diese tobt in Europa.
00:36:33: doch Man mag es glauben oder nicht?
00:36:36: Der zivile Schiffsverkehr zwischen Europa und den USA läuft noch, als ob es gar keine Pandemie gäbe.
00:36:44: Schiffe aus Norwegen und England aber auch aus Indien und anderen Orten laufen die Häfen der großen Städte der nordamerikanischen Ostküste an – Boston, New York, Philadelphia.
00:36:57: Dazu pendeln Truppenschiffe hin- und her!
00:37:00: Und sie bringen etwas zurück was höchstwahrscheinlich in den USA seinen Ursprung hatte.
00:37:08: Doch vermutlich ist es nicht mehr das selbe Virus wie auf der Hinreise – Es ist gefährlicher geworden, viel gefährlicher als noch ein Dreivierteljahr zuvor.
00:37:19: und die Welle schwappt zurück.
00:37:22: Besonders Boston wird zu einem der ersten Brennpunkte.
00:37:26: In den Kasernen- und Ausbildungslagern rund um den Hafen breitet sich die Krankheit rasend schnell aus.
00:37:33: Innerhalb weniger Tage füllen sich die Krankenstationen.
00:37:37: Doch die Städte sind in diesen Wochen mit ganz anderen Dingen beschäftigt, der Krieg scheint gewonnen!
00:37:44: Die Moral soll hochgehalten werden und überall im Land organisiert die amerikanische Regierung sogenannte Liberty Loan Paraden große patriotische Veranstaltungen, mit denen Kriegsanleihen verkauft werden sollen.
00:38:01: Kriege sind ungeheuer teuer.
00:38:04: Waffen, Munition, Uniformen, Schiffe, Soldaten – all das verschlingt enorme Summen!
00:38:12: Die Steuern allein reichen dafür meist nicht aus.
00:38:16: also leit sich der Staat Geld von seinen eigenen Bürgern.
00:38:21: Menschen kaufen eine Anleihe im Grunde ein Schuldschein und stellen dem Staat damit Geld zur Verfügung.
00:38:29: Der Staat verspricht, dieses Geld später mit Zinsen zurückzuzahlen.
00:38:56: Einige Ärzte waren bereits.
00:38:58: Sie sehen die steigenden Grippefälle in den Militärlagern, sie sehen wie schnell sich diese Krankheit verbreitet – sie bitten die Stadtverwaltung, die Parade abzusagen.
00:39:10: Doch die Verantwortlichen entscheiden anders.
00:39:14: Am achtundzwanzigsten September laufen mehr als zweihunderttausend Menschen durch die Straßen von Philadelphia.
00:39:21: Militierkapellen spielen, Soldaten marschieren Menschen stehen dicht gedrängt an den Straßenrendern.
00:39:29: Es ist eine gewaltige patriotische Demonstration und gleichzeitig, ohne dass es jemand ahnt ein perfektes Setting für ein Virus.
00:39:42: Denn unter den Menschen befinden sich bereits Infizierte vielleicht erst seit wenigen Stunden, vielleicht seit einem Tag.
00:39:51: noch fühlen sie sich gesund, noch husten sie kaum Doch sie tragen das Virus bereits in sich.
00:39:58: Innerhalb weniger Tage explodieren die Fallzahlen, Die Grippe hat eine Inkubationszeit von nur ein bis zwei Tagen.
00:40:07: Immer mehr Patienten erscheinen mit hohem Fieber, starken Husten und einer Atemnot, die Ärzte so bisher kaum gesehen haben.
00:40:18: Draußen stehen wartende Patienten – oft ganze Familien während sich im Inneren der Krankenhäuser die Stationen füllen.
00:40:27: Betten werden in Fluren aufgestellt, Krankensäle werden erweitert – Personal arbeitet bis zur Erschöpfung!
00:40:36: Als die zwölf Krankenhäuser überlaufen beginnt Philadelphia zu improvisieren.
00:40:41: Schulen, Gemeinderhallen und sogar militärische Waffenlagerhallen werden mit Feldbetten gefüllt.
00:40:49: Innerhalb weniger Tage entstehen überall in der Stadt provisorische Krankenstationen, in denen Ärzte und freiwillige Helfer versuchen, der Welle der Erkrankten herzuwerden.
00:41:02: Doch die Krankheit bereitet sich schneller aus als die Behörden reagieren können.
00:41:08: Die Ärzten beobachten etwas Beunruhigendes.
00:41:11: Die Patienten werden oft innerhalb von Stunden schwer krank.
00:41:16: Am Morgen fühlen sie sich noch relativ stabil Am Abend ringen sie bereits nach Luft.
00:41:22: Immer häufiger verferben sich Gesichter und Lippen der erkrankten Dunkelblau, Zeitzeugen berichten später von Szenen die kaum vorstellbar sind.
00:41:33: Pausenlos fahren Krankenwagen durch die Straßen.
00:41:36: In manchen Vierteln stehen die Menschen Schlange vor den Krankenhäusern.
00:41:40: Die Ärzte müssen entscheiden wen sie noch aufnehmen können und wen nicht.
00:41:47: Auch die Infrastruktur der Stadt beginnt zu kollabieren.
00:41:50: Schulen werden geschlossen, Theater und Kirchen ebenfalls.
00:41:54: Viele Geschäfte bleiben zu weil die Besitzer krank sind oder sich vor Ansteckung fürchten.
00:42:00: Müll wird nicht mehr regelmäßig abgeholt Straßenbahn fahren mit reduzierten Personal.
00:42:07: Besonders dramatisch wird die Situation auf den Friedhöfen.
00:42:12: Die Zahl der Todesfälle steigt so schnell dass Bestattungsunternehmen nicht mehr hinterher kommen.
00:42:19: Sorge werden knapp, manche Familien müssen Tage warten bis ihre Angehörigen abgeholt und beerdigt werden können.
00:42:28: Diese Zustände erinnern uns heute an die Zeit als die beginnende Covid-Pandemie die oberitalienische Stadt Bergamo heimsuchte.
00:42:39: In Philadelphia erkranken eine halbe Million Menschen.
00:42:48: Was als patriotische Demonstration gedacht war, hat sich als idealer Verstärker für die Ausbreitung der spanischen Krippe erwiesen.
00:42:57: Und damit wird Philadelphia zu einem der tragischsten Kapitel dieser Pandemie.
00:43:04: Aber natürlich bleibt der Ausbruch nicht lokal begrenzt!
00:43:09: Von jetzt an breitet sich die Krankheit in rasantem Tempo über ganz Nordamerika aus.
00:43:15: Sie fährt auf Zügen, reist auf jedem Laster mit und kommt mit jedem Schiff.
00:43:22: Und sie tötet!
00:43:23: Allein die zweite Welle kostet eine halbe Million Amerikaner ihr Leben.
00:43:30: Ninzehundertachzin weiß man noch nicht einmal genau womit man es zu tun hat.
00:43:36: Der Begriff Virus existiert zwar bereits doch niemand kann diese Erreger sehen.
00:43:43: Elektronenmikroskope sind noch nicht erfunden und viele Ärzte glauben sogar, ein Bakterium sei die Ursache der Grippe.
00:43:53: Aber die Forscher nähern sich der Wahrheit.
00:44:09: da das filtrierte Material danach immer noch die Grippe übertragen kann, nimmt man schon zu dieser Zeit an, dass ein Erreger kleiner als ein Bakterium verantwortlich sein müsse.
00:44:24: Aber das eigentliche Influenza-Virus wird erst fünfzehn Jahre später, nineteenhundertdreiunddreißig entdeckt und auch dann soll es noch einmal zehn Jahre bis zur ersten Grippeimpfung
00:44:37: dauern.".
00:44:41: Die Behandlungsmöglichkeiten sind sehr begrenzt.
00:44:44: Kein Wunder, wenn man gar nicht weiß womit es zu tun hat!
00:44:48: Die Ärzte können meist nur Isolation, Betrull, Flüssigkeitszufuhr, fiebersenkende Mittel wie Aspirin und einfache Sauerstoffgaben, wenn verfügbar einsetzen.
00:45:02: Daneben werden aus purer Hilflosigkeit viele fragwürdige Behandlungen durchgeführt So zum Beispiel Aderlässe, Alkohol als Stimulans, Brech- und Abführmittel wie Rizinosöl, Schmerz- und Beruhigungsmittel wie Morphin oder Heroin.
00:45:21: Senvpflaster auf der Brust, Einreibungen mit Schmalz-, Kampfer-, Chloroform oder Terpentine – aber auch so was wie Knoblauchketten um den Hals.
00:45:33: Im November ebt die Welle ab!
00:45:36: Zu spät für Philadelphia?
00:45:39: Und auch zu spät für das Dorf Brevik Mission an der Westküste Alaska's.
00:45:45: Denn was sich dort Anfang November abspielt, kann nicht mehr aufgehalten werden.
00:45:51: Brevik mission liegt auf der Seward-Halbinsel etwa hundert Kilometer nordwestlich von Nome.
00:45:58: Die Siedlung entstand im späten neunzehnten Jahrhundert Im Umfeld einer lutterischen Missionsstation.
00:46:06: Namensgeber war der norwegische Missionar Tollef L Brevik, der dort ab klein, relativ isoliert und der Kontakt zur Außenwelt erfolgt meist über Küstenschiffe oder über die Handelstadt Nome.
00:46:46: Im Herbst-Ninzehundertachzehn erreicht die Pandemie der spanischen Grippe auch Alaska.
00:46:53: Historische Berichte gehen davon aus dass das Virus Ende September oder Anfang Oktober mit einem Dampfschiff aus Seattle nach Nome gelangt.
00:47:04: Von dort verbreitet sich die Krankheit entlang der Küste weiter in kleinere Siedlungen.
00:47:10: Höchstwahrscheinlich sind es Händler, Reisende oder Hundeschlitten-Postfahrer, die das Virus in mehrere Küstendorfer bringen – darunter auch Brevik Mission.
00:47:21: Der Ausbruch in Brevik mission ereignet sich Anfang November.
00:47:27: Zu diesem Zeitpunkt leben im Dorf etwa achtzig Menschen.
00:47:31: Innerhalb weniger Tage erkrankt ein großer Teil der Bevölkerung schwer.
00:47:36: Der rasante Verlauf macht es vielen Betroffenen unmöglich, andere zu versorgen oder Hilfe zu organisieren.
00:47:44: Als die Krankheit durch das Dorf geht, bricht das soziale Leben praktisch zusammen.
00:47:51: Erinnern wir uns daran dass zwanzig bis vierzigjährige besonders schwer erkranken.
00:47:58: so sind in vielen Häusern Alle Erwachsenen gleichzeitig krank.
00:48:03: Einige Kinder überleben zunächst, während ihre Eltern bereits gestorben sind.
00:48:08: Nachrichten über die Situation erreichen schließlich Nome, woraufhin eine Hilfsgruppe zusammengestellt wird.
00:48:16: Die Helfer erreichen Bravic Mission kurze Zeit später.
00:48:21: Sie finden dort eine außergewöhnlich hohe Zahl an Todesopfern vor.
00:48:26: Von den rund achtzig Bewohnern sind zweiundsebzig Menschen gestorben.
00:48:32: Die einzigen Überlebenden scheinen Kinder zu sein, damit verliert das Dorf etwa neunzig Prozent seiner Bevölkerung eine der höchsten dokumentierten Sterberaten der gesamten Pandemie.
00:48:46: Die Helfer organisieren die Bestattung der Toten in einem gemeinsamen Grab oberhalb der Siedlung.
00:48:52: Dieses Massengrab existiert bis heute und ist durch eine Reihe weißer Kreuze gekennzeichnet.
00:49:01: Doch während in Bravik mischen die Toten begraben werden, ist die Pandemie noch lange nicht vorbei.
00:49:08: Der große Höhepunkt der Krankheit liegt zwar im Herbst, aus dem Jahr, aber auch danach verschwindet sie nicht sofort.
00:49:17: Im darauffolgenden Frühjahr folgt eine dritte Welle, die erneut zahlreiche Opfer fordert – wenn auch deutlich weniger als die verheerende zweite Welle vor ihr.
00:49:29: Erst im Laufe des Jahres Ninzehneinzehn verliert der Erreger allmählich an Kraft und geht schließlich in die gewöhnliche, saisonale Influenza über – sie wird endemisch.
00:49:44: Bravik-Mission gerät jedoch nicht in Vergessenheit!
00:49:48: Die Ereignisse dort werden später auch aus wissenschaftlichen Gründen bedeutsam.
00:49:53: Jahrzehntelang versuchten Wissenschaftler überall auf der Welt, an das Virus gehen nun zu kommen.
00:50:00: Vergeblich!
00:50:01: In medizinischen Archiven werden alte Autopsypräparate untersucht – häufig Lungengewebe von Soldaten die während des Krieges an der Krankheit gestorben sind.
00:50:12: Doch der Erfolg bleibt begrenzt.
00:50:14: Die Proben sind meist in Formalien konserviert worden.
00:50:18: Das empfindliche RNA-Molekul ist über die Jahrzehnte stark beschädigt oder zerfallen.
00:50:27: Immer wieder gelingt es nur winzige Bruchstücke des Erregers nachzuweisen, zu wenig um das vollständige Genom zu rekonstruieren.
00:50:37: Ende der Neunzenthundertneinziger Jahre belebt man dann eine frühere Idee wider.
00:50:43: Könnte man das Virus eventuell aus Opfern, die im ewigen Frost begraben sind extrahirn?
00:50:51: Die kanadische Forscherin Kirstie Duncan organisiert in den letzten Jahren eine Expedition nach Spitzbergen, einer Insel im Nordpolarmia.
00:51:01: Sie hat herausgefunden, dass dort auf einem Friedhof sechs Bergarbeiter begraben sind, die an der Pandemie gestorben sind.
00:51:12: Da die Gräber im Permafrost liegen, hofft man, dass das Virus im gefrorenen Gewebe besser erhalten sein könnte!
00:51:20: Die Expedition sorgt weltweit für Aufmerksamkeit.
00:51:24: Doch die untersuchten Körper liefern am Ende kein ausreichend erhaltenes Virusmaterial, weil die Bergarbeiter nicht tief genug begraben waren.
00:51:34: und da kommt dieser kleine Ort in Alaska ins Spiel – Brevik Mission!
00:51:43: Und wir wissen es ja inzwischen.
00:51:45: auch hier liegen Grippeopfer seit Jahrzehnten im Permafrost.
00:52:01: In den Fünfziger Jahren hatte er versucht, das Virus der Pandemie aus diesen Gräbern zu gewinnen.
00:52:10: Damals ohne Erfolg!
00:52:13: Nun wagte einen zweiten Versuch.
00:52:16: Mit Zustimmung der Dorfbewohner wird eines der Gräber geöffnet.
00:52:21: In dem Massengrab liegt auch der Körper einer Inuit-Frau, die in den letzten Jahren an der Krankheit gestorben ist.
00:52:29: Ihr Körper ist durch den gefrorenen Boden außergewöhnlich gut konserviert.
00:52:34: Halten nimmt mehrere kleine Gewebeproben aus der Lunge – genau dort wo sich der Erreger während der Krankkeit massenhaft vermehrt hat!
00:52:44: Diese Probe wird anschließend in spezialisierten Laboren untersucht, unter anderem bei den Centers of Disease Control & Prevention in den Vereinigten Staaten.
00:52:57: Dort gelingt etwas das lange Zeit unmöglich schien.
00:53:01: Aus dem Gewebel lässt sich tatsächlich RNA des Virus isolieren – winzige Bruchstücke seines genetischen Materials!
00:53:12: Zusammen mit weiteren historischen Proben gelingt es den Forschern in den folgenden Jahren das komplette Genom des Pandemie-Virus zu rekonstruieren.
00:53:22: Damit wird endgültig klar, welcher Erreger die Katastrophe ausgelöst hat – ein Influencer A-Virus H-I N-I dessen Gene enge Verwandtschaft zu Vogelviren besitzen.
00:53:37: Wo genau die Pandemie ihren Ursprung nahm?
00:53:41: lässt sich aus diesen Daten jedoch nicht bestimmen.
00:53:45: Man nimmt inzwischen am ehesten an, dass der Erreger von Wildvögeln stammt und über Nutztiere wie Vögel- und Schweine als Zwischenwirte auf den Menschen übertragen wurde.
00:53:58: Heute leben im Bravic Mission etwa fourhundertdreizig Menschen.
00:54:03: Das Dorf hat sich also erstaunlich gut von der Katastrophe der spanischen Krippe erholt.
00:54:09: Nach wie vor leben dort ausschließlich indigene Menschen, stand.
00:54:15: Inzwischen ist der Ort sogar über Flugzeuge erreichbar – es gibt zwei Schotterlandebahnen!
00:54:23: Am Ende bleibt eine Bilanz, die bis heute erschüttert.
00:54:28: Die Pandemie tötete innerhalb weniger Monate schätzungsweise fünfzig Millionen Menschen.
00:54:35: Manche Historiker sprechen sogar von deutlich mehr.
00:54:38: Bis zu Hundert Millionen Menschen.
00:54:42: Etwa ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung infizierte sich und von den Erkrankten starben im Durchschnitt zwei bis drei von hundert, eine Sterblichkeit die weit über der moderne Influencerpandemie liegt.
00:54:59: Zum Vergleich während der Covid-Pandemie lag die globale Infektionssterblichkeit bei deutlich unter einem Prozent.
00:55:07: Vorsichtig geschätzt bedeutet das Die spanische Grippe tötete mehr Menschen als der Erste Weltkrieg und progressiver geschätzt, mehr als beide Weltkräge zusammen.
00:55:21: Und was bleibt?
00:55:23: Bravic Mission ist kein einzigartiger Ort in dieser Geschichte.
00:55:28: Ähnliche Katastrophen spielten sich damals an vielen Orten der Welt ab – in großen Städten ebenso wie in abgelegenen Regionen!
00:55:37: Doch gerade dieser einsame Ort in Alaska erinnert daran, wie schnell sich eine Krankheit in einer vernetzten Welt ausbreiten kann.
00:55:46: Innerhalb weniger Monate reiste der Erreger von Militärlagern in den Vereinigten Staaten über den Atlantik nach Europa und wieder zurück.
00:55:57: Am Ende der Pandemie hatte er nahezu jeden Winkel der Erde erreicht – auch ein kleines Dorf am Rand des Polamias!
00:56:09: Das war Geschichten der Medizin, wo Vergangenheit Forschung und menschliche Schicksale aufeinandertreffen.
00:56:19: Ob weltbewegend oder ganz persönlich – die nächste Geschichte wartet schon!
00:56:26: Bis dahin bleibt gesund.
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