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#031 Verschickungskinder

Shownotes

In dieser Folge: "Verschickung" – für die Jüngeren ein technisches Wort, für Millionen Boomer eine tief sitzende, oft schmerzhafte Erinnerung. Man schickte sie fort, damit sie „Pausbäckchen“ bekamen, gesund und stark wurden, doch hinter den Fassaden der über 1.000 Kinderkurheime wartete oft eine ganz andere Realität. Es war ein System, das die körperliche Optimierung über die kindliche Seele stellte und in dem das Gewicht auf der Waage als Gradmesser für Erfolg galt. Wir begleiten Stefan, der mit sechs Jahren am Bahnhof stand – ein Kind, das wie ein Paket verschickt wurde und in einer Welt aus Trillerpfeifen, Esszwang und eiskalten Waschungen verstummte. Warum haben Millionen so lange geschwiegen? Warum brachen die Mauern aus Verdrängung und Gaslighting erst Jahrzehnte später zusammen? Diese Folge blickt tief in das unsichtbare Erbe einer Epoche, die glaubte, man könne Gesundheit durch Disziplin erzwingen, und zeigt, warum das „donnernde Schweigen“ der Institutionen endlich enden muss, damit die Betroffenen ihren Frieden finden können.

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Transkript anzeigen

00:00:00: Triggerwarnung.

00:00:03: In dieser Folge geht es um die belastenden Erfahrungen der Verschickungskinder in deutschen Kurheimen und die daraus resultierenden psychischen Langzeitfolgen.

00:00:14: Und ein Hinweis gibt es auch noch, zu besseren Hörberkeit wird stellenweise vereinfachend von Deutschland gesprochen.

00:00:23: Gemeint ist jeweils die Bundesrepublik Deutschland.

00:00:29: Verschikung Das ist ein Begriff mit dem jüngere Menschen heutzutage wohl kaum etwas anfangen können.

00:00:38: Viele Boomer wissen aber genau, was das war!

00:00:42: Ich selbst bin nie verschickt worden – aber immer wieder fehlten Mitschülerinnen oder Schüler wochenlang weil sie auf Verschickung waren.

00:00:54: Angeblich sollten Sie aufgepeppelt werden, aber ich konnte als Kind meistens keinen Unterschied erkennen wenn Sie dann wieder zurückkehrten meist von einem Aufenthalt an der Nordsee wegen der guten Luft.

00:01:08: Was wir Kinder damals auch nicht mitbekommen, waren die ganzen Implikationen dieser merkwürdigen halbmedizinischen Ferien in irgendwelchen Heimen – meist ohne die eigenen Eltern.

00:01:24: So hatten wir keine Ahnung wie so eine Maßnahme ablief genauso wie die meisten anderen

00:01:32: Menschen.".

00:01:34: Verschickung, das hatte immer so einen Beigeschmack.

00:01:38: Man stellte sich unwillkürlich ein etwas schwächliches dünnes Mädchen vor – vielleicht auch eher aus, sagen wir mal nicht optimalen Verhältnissen -, dass ständig krank war oder von allergischen Erkrankungen wie Asthma geplagt war.

00:01:57: Diese Kinder wurden für eine Art Erholungsurlaub aus ihren Familien genommen und verschickt wie ein Paket.

00:02:06: Sie sollten gute Luft atmen und mit reichhaltigem Essen wieder auf die Beine gebracht werden.

00:02:13: Damals, besonders in den fünftiger und sechziger Jahren wurde Gesundheit noch mit rosa-roten Pausbäckchen gleichgesetzt – wie der Junge auf den Zwiebackpackungen.

00:02:27: So sollte ein Kind aussehen!

00:02:29: War es dagegen schlank und hustete einmal zu oft in der Klasse?

00:02:35: wurden die Eltern zum Arzt geschickt.

00:02:37: Und dieser kam nicht selten mit dem Vorschlag der Verschickung um die Ecke.

00:02:56: Willkommen zu Geschichten der Medizin, den Podcast über medizinische Schicksale, historische Wendepunkte und spektakuläre Fälle!

00:03:10: Ich bin Kerstin, Ärztin und Erzählerin.

00:03:16: Lasst uns gemeinsam auf eine Reise gehen durch solchen Entdeckungen und dramatische Diagnosen Mal weltbewegend, mal ganz persönlich Immer medizinisch.

00:03:29: Immer spannend.

00:03:37: Verschickungskinder.

00:03:46: Bevor wir tief hinter die Mauern dieser Heime blicken müssen wir verstehen mit welchen Dimensionen wir es zu tun haben.

00:03:55: Wenn man das Wort Verschickung hört klingt es fast nach Ferien auf einem idyllischen Landgut Aber die Zahlen sprechen für sich.

00:04:06: Wir sprechen von einer gigantischen, staatlich organisierten Logistik der Kinderlandverschickung – die über Jahrzehnte wie ein gut geöltes Urwerk funktionierte!

00:04:18: Was genau war eine Verschickungen?

00:04:21: Im Grunde handelte es sich um eine Art medizinischer Erholungsurlaub.

00:04:27: Irgendwo zwischen Vorsorge und Kinderkur angesiedelt….

00:04:33: Das Ziel war offiziell die Wiederherstellung der Gesundheit oder das Aufpäppeln von Kindern, die als zu schwach, zu dünn oder zu kränklich und später auch zu dick galten.

00:04:48: Man wollte sie aus ihrem Alltag herausholen und in ein heilendes Umfeld bringen – meist an die See oder in die Berge!

00:04:59: Die Zahlen, die hinter diesem System stehen sind schwindelerregend.

00:05:04: Man schätzt heute dass zwischen dem Ende der nineteenhundertvierziger Jahre und den Beginn der neunzehnhundertneinziger Jahre mindestens drei aber eher acht bis zwölf Millionen Kinder verschickt wurden.

00:05:21: Allein in der Bundesrepublik gab es über ein tausend spezialisierte Kinderkurheime.

00:05:28: Es war eine Massenbewegung.

00:05:30: Fast jede Familie in Deutschland war in irgendeiner Form davon betroffen, entweder weil man selbst als Kind im Zug saß oder weil jemanden kannte der plötzlich für Wochen aus der Klassengemeinschaft verschwand.

00:05:47: Die Hochphase lag in den fünftiger, sechziger und siebziger Jahren – In dieser Zeit war die Sechs-Wochen-Kur der Standard.

00:05:58: Das ist eine halbe Ewigkeit für ein Kind, das zum ersten Mal von zu Hause weg ist.

00:06:04: Und das ist ein entscheidender Punkt!

00:06:08: Die überwältigende Mehrheit dieser Kinder – weit über neunzig Prozent – wurde ohne ihre Eltern verschickt.

00:06:16: Man nannte das Alleinreisende Kinder ganz selbstverständlich.

00:06:22: Die Trennung der Bezugsperson war mit Nichten nur einen Kollateralschaden sondern oft sogar Teil des pädagogischen Konzepts.

00:06:32: Man wollte die Kinder von ihrem häuslichen Milieu entwöhnen, damit die Kur besser wirken konnte.

00:06:40: In den späten Achtziger und frühen Neunzigerjahren schlossen dann viele Heime bedingt durch sinkende Geburtenraten in Folge des sogenannten Pillenknicks und durch steigenden Wohlstand mit zunehmenden

00:06:55: Familienurlauben.".

00:06:58: Die Kinder waren oft noch sehr klein.

00:07:01: Die Altersspanne reichte meist von zwei bis vierzehn Jahren, aber es gab sogar sogenannte Säuglingsverschickungen.

00:07:10: Es traf Jungen wie Mädchen gleichermaßen – wenn auch mit unterschiedlichen Begründung.

00:07:16: Jungen wurden oft wegen Nervosität oder Verhaltensauffälligkeiten geschickt.

00:07:22: Mädchen eher wegen ihrer Zartheit … Oder Blutarmut.

00:07:29: Die Diagnosen klingen aus heutiger Sicht oft vage.

00:07:33: Man sprach von allgemeiner Schwäche, Infektanfälligkeit, Appetitlosigkeit oder Haltungsfehlern.

00:07:42: Steh gerade!

00:07:43: Den Spruch kenne ich noch.

00:07:46: Auch Asthma- oder Hautprobleme waren häufige Gründe.

00:07:50: Die Entscheidung darüber welches Kind gehen musste viel oft nicht im Wohnzimmer der Eltern.

00:07:57: Die Indikation stellte meist der Schularzt oder das Gesundheitsamt.

00:08:02: Wenn das Urteil verschickungsbedürftig viel, hatten Eltern oft das Gefühl sie müssten dem zustimmen um das Beste für ihr Kind zu tun oder sie fürchteten soziale Konsequenzen wenn Sie sich weigerten.

00:08:18: Finanziert wurde dieser riesige Apparat von den Krankenkassen, den Rentenversicherungsträgern und den Sozialämtern.

00:08:27: Ein solcher Aufenthalt war nicht billig.

00:08:30: In den sechziger Jahren kostete eine Kur pro Kind zwischen dreihundert und fünfhundert D-Markt.

00:08:37: Wenn man das auf Millionen von Kindern hoch rechnet, versteht man schnell – die Verschickung war ein massiver Wirtschaftsfaktor!

00:08:47: Für viele Kurorte an der Nordsee oder im Schwarzwald waren die Heime die Haupteinnahmequelle.

00:08:54: Die Träger waren vielfältig das rote Kreuz, die Caritas, die Diakonie oder auch private Betreiber.

00:09:04: Was die Eltern im Vorfeld wussten war minimal.

00:09:09: Meist gab es nur einen standardisierten Merkzettel – was muss in den Koffer?

00:09:14: wann fährt der Zug?

00:09:16: Eine echte Aufklärung über das, was das Kind dort erwartete fand kaum statt!

00:09:23: Und wie wurde der Erfolg gemessen?

00:09:26: Wenn man heute in die alten Akten schaut, findet man fast nie dezidierte medizinische Berichte.

00:09:34: Der Erfolg der Verschickung wurde fast ausschließlich über ein einziges Instrument definiert – Die Waage.

00:09:43: Ein Kind kam an und wurde gewogen.

00:09:46: Ein Kind reiste ab und wurde bewogen.

00:09:51: War die Zahl am Ende höher als am Anfang?

00:09:54: galt die Kur als Erfolg.

00:09:57: Die Pausbäckchen, von denen wir vorhin sprachen waren das oberste medizinische Ziel – wie diese Gewichtszunahme zustande kam und was sie für die Seele des Kindes bedeutete.

00:10:11: Das tauchte in keiner Statistik auf!

00:10:15: Wir müssen uns klarmachen dass dieses System der Verschickung nicht im luftleeren Raum

00:10:21: entstand.".

00:10:22: Es war kein plötzlicher Einfall der jungen Bundesrepublik, sondern es war die Fortsetzung einer Denkweise, die ihre Wurzeln tief im vorangegangenen Jahrhundert und vor allem in der dunklen Ideologie des Nationalsozialismus hatte.

00:10:40: Wenn wir heute auf diese Jahre zurückblicken, dann sehen wir oft das bunte Bild des Wirtschaftswunders – Wir sehen den Aufbruch und den neuen Wohlstand!

00:10:52: Aber unter dieser glänzenden Oberfläche, jenseits der bombonfarbenen Werbeplakate und hochtupierten Frisoren existierte eine tiefe – fast versteinerte Kontinuität des Denkens.

00:11:09: In der NS-Zeit war die Kinderlandverschickung KLV ein fester Bestandteil der Staatsideologie.

00:11:18: Damals ging es nicht um das Wohl des Einzelnen sondern um die sogenannte Volksgemeinschaft.

00:11:26: Kinder wurden nicht als schützenswerte Individuen gesehen, sondern als zukünftiges Menschenmaterial – das man Stellen formen und wie es damals hieß ertüchtigen musste.

00:11:40: Als der Krieg nineteenhundertfünfundvierzig endete verschwanden zwar die Uniformen aber die Menschen in den Institutionen blieben oft dieselben.

00:11:51: Die Ärzte, die Heimleiter und die Erzieherinnen hatten ihr Handwerk in einem System gelernt – das Empathie als Schwäche und Individualität als Gefahr betrachtete.

00:12:06: Es gab in der Pädagogik kein Tag null!

00:12:10: Die alten Konzepte von Härte- und Disziplin wurden einfach umbenannt und unter dem Deckmantel der Erholung weitergeführt….

00:12:20: In den fünftiger Jahren kam dann eine ganz spezifische psychologische Komponente hinzu, das Trauma des Mangels.

00:12:30: Die Elterngeneration hatte den Hungerwinter mit erlebt – sie hatte gesehen wie Körper auszehrten!

00:12:38: In dieser Gesellschaft wurde Fett mit Gesundheit und Erfolg gleichgesetzt.

00:12:44: Ein dünnes Kind war in den Augen der Nachbarn ein Beweis für das Versagen geeltern.

00:12:51: Es war ein gesellschaftlicher Markel und genau hier setzte die Verschickung an.

00:12:58: Sie funktionierte wie eine staatliche Reparaturwerkstatt, man gab einen mangelhaftes blasses Kind ab und erwartete, dass es nach sechs Wochen wie neu gebacken mit rosigen Wangen und ordentlich Gewicht auf den Rippen wieder zurückkam.

00:13:16: Der kindliche Körper wurde zu einer normierten Baustelle des Wirtschaftswunders erklärt.

00:13:24: Diese mechanische Sicht auf Kinder wurde durch eine Erziehungslehre gestützt die wir heute als schwarze Pädagogik bezeichnen.

00:13:33: Einnahme ist hier untrennbar mit diesem grauen Verbunden.

00:13:38: Johanna Haare, ihr Ratgeber die deutsche Mutter und ihr erstes Kind war das Standardwerk jener Zeit.

00:13:49: Es wurde in der NS-Zeit millionenfach verbreitet und nach dem Krieg nur minimal bereinigt weiterverkauft.

00:13:59: Die Kernbotschaft war fatal Man dürfe Kindern keine Liebe zeigen, man dürfe nicht auf ihr Weinen reagieren.

00:14:07: Man müsse sie isolieren um ihren Willen zu

00:14:10: brechen.".

00:14:12: Distance galt als pädagogisches Ideal.

00:14:16: In dieser Weltanschauung war die Trennung von den Eltern –die sogenannte Milieuentwöhnung– kein notwendiges Übel sondern ein zentrales Werkzeug.

00:14:30: Man glaubte ernsthaft, dass die Nähe zur Mutter das Kind verweichlicht und den Kurerfolg behindert.

00:14:38: Deshalb war es völlig normal ein vierjähriges Kind für sechs Wochen in die totale Fremde zu schicken ohne Besuchsrecht – oft sogar mit Briefsensor!

00:14:50: Das Heimweh wurde nicht als seelischer Schmerzbegriffen sondern als Einwiderstand gegen die Ordnung den man mit Strenge brechen musste.

00:15:01: Das Erschreckende war das nicht hinterfragte Zusammenspiel der Institutionen, die Krankenkassen zahlten die Gesundheitsämterwiesen ein und die großen kirchlichen Träger wie die Diakonie oder die Karitas betrieben die Heime.

00:15:20: Es war ein geschlossenes System des Schweigens und des Gehorsams.

00:15:25: Eltern vertrauten damals fast blind in staatliche und kirchliche Stellen.

00:15:31: Man stellte die Autorität des Arztes oder der Oberschwester nicht infrage – Und das Kind?

00:15:39: Das Kind hatte in diesem Gefüge keine Stimme, es war ein Objekt der Verwaltung, ein kleiner Körper, der gewogen und vermessen wurde, während seine Seele in den Statistiken der Nachkriegszeit schlicht nicht vorkam.

00:15:56: Stell dir vor, es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen in einer Grundschule irgendwo in der Bundesrepublik der neunzenhundertsechziger Jahre!

00:16:08: Die Tür geht auf und hereinspaziert nicht der Lehrer sondern der Schularzt oder die Gemeindeschwester.

00:16:18: In dieser Zeit war die körperliche Vermessung der Kindheit eine Selbstverständlichkeit.

00:16:24: Die Kinder mussten antreten, sie wurden gewogen, gemessen und abgehört.

00:16:30: Es war eine Art Musterung im Kleinformat – und genau hier in diesem Moment der öffentlichen Begutachtung entschied sich oft das Schicksal der nächsten Monate!

00:16:44: Wenn ein Kind den Kriterien nicht entsprach, wenn die Rippen zu deutlich zu sehen waren, oder dunkle Schatten unter den Augen hatte, dann folgte der Eintrag in die Liste.

00:16:59: Für die Eltern war das ein momentvoller Ambivalenz.

00:17:03: Einerseits war da der soziale Druck.

00:17:06: Der Schularzt war eine unantastbare Autorität – wenn er sagte, dass Kind müsse zur Kur!

00:17:13: Dann war das fast wie ein Befehl.

00:17:16: Wer sich widersetzte, geriet schnell in den Verdacht, sich nicht ausreichend um das Wohl seines Nachwuchses zu kümmern oder gar die Fürsorgepflicht zu verletzen.

00:17:28: Und diese Sorge war nicht unberechtigt!

00:17:31: So hieß es doch, in der seit nineteenhundert vierundzwanzig geltenden Reichsfürsorgeplichtverordnung – dass Kommunen und Wohlfahrtsverbände das Recht hatten, Kinder vorsorglich aus den Familien zu nehmen, Zitat, Störungen der körperlichen, geistigen oder sitzlichen Entwicklung zu verhindern.

00:17:56: Erst nineteenhundertzeigundsechzig kam es mit dem Bundessozialhilfegesetz zu einer Konkretisierung und Relativierung.

00:18:04: Demnach sollte Personen bei denen nach ärztlichem Urteil eine Erkrankung Vorbeugende Gesundheitshilfe gewährt werden.

00:18:18: Explizit auch durch Erholungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche.

00:18:26: Andererseits wurde die Verschickung den Eltern als Privileg verkauft, man muss bedenken viele Familien lebten damals noch sehr beengt.

00:18:35: der Urlaub für die gesamte Familie war ein Luxus den sich längst nicht jeder leisten konnte.

00:18:42: Da klang das Angebot einer sechswöchigen Kur an der Nordsee oder im Schwarzwald erst einmal nach einer großartigen Chance.

00:18:51: Dort bekommt es das Beste Essen, die frische Luft – dort wird es kräftig!

00:18:56: dachten sich die Mütter und Väter.

00:18:59: Sie glaubten den bunten Prospekten der Heime, die spielende Kinder am Strand zeigten.

00:19:05: Oft reine Inszenierung.

00:19:09: Aber das wussten die besorgten Eltern nicht.

00:19:13: Die Informationen, die sie im Vorfeld erhielten waren so dürftig – dass man es heute kaum fassen kann!

00:19:21: Es gab einen Kofferzettel.

00:19:23: So viele Unterhosen, so viele Socken alles akribisch mit dem Namen des Kindes bestickt.

00:19:29: Das war oft die einzige Form der Vorbereitung.

00:19:33: Natürlich gab es keine psychologische Beratung, keine Tipps wie man ein sechsjähriges Kind auf die erste lange Trennung vorbereitet.

00:19:43: Im Gegenteil – Die Trennung wurde oft bewusst abrupt gestaltet!

00:19:48: Man brachte das Kind zum Bahnhof übergab es dem Personal der Bahn oder den Betreuerinnen und dann schlossen sich die Wagon-Türen.

00:19:58: Ein Abschied am Fenster, ein kurzes Winken Und das Kind war für die nächsten anderthalb Monate aus der Welt, der Eltern verschwunden.

00:20:09: Dieser Moment am Bahnhof war für viele Kinder der eigentliche Beginn des Traumaas.

00:20:16: In der Welt der Erwachsenen war alles geregelt – Alles hatte seine bürokratische Ordnung!

00:20:22: Aber für das Kind War es ein Jeher Absturz in die totale Ohnmacht….

00:20:29: Es wurde buchstäblich verschickt wie ein Paket, das man bei der Post aufgibt in der Hoffnung, dass es am Zielort richtig verarbeitet wird.

00:20:41: Das Perfide an diesem System war, daß es die natürliche Intuition der Eltern systematisch untergrub.

00:20:49: Wenn ein Kind weinte oder klammerte, wurde den Eltern gesagt sie dürften jetzt keine Schwäche zeigen.

00:20:56: Sie müssten hart bleiben damit das Kind sich schneller eingewöhnt.

00:21:02: Es war eine Gesellschaft, die kollektiv wegsah wenn es um die seelischen Bedürfnisse der Kleinsten ging weil nach wie vor Disziplin und körperliche Optimierung über allem stand.

00:21:16: Die Pausbäckchen waren das Ziel und der Preis den die Kinder Seele dafür zahlte wurde als notwendiges Opfer für die Volksgesundheit verbucht.

00:21:29: Man könnte nun vermuten, dass dieses System vor allem Kinder aus prekären Verhältnissen traf.

00:21:35: Aus den Hinterhöfen der Arbeiterviertel – wo das Geld knapp und die Ernährung schlecht war!

00:21:42: Und tatsächlich bildeten diese Kinder eine große Gruppe.

00:21:47: Für die Sozialämter war die Verschickung ein Werkzeug der Führsorge um das vermeintliche Elend der Arbeiterfamilien zu

00:21:54: lindern.".

00:21:56: Man wollte die Kinder aus der Enge der rauchigen Industriestädte herausholen.

00:22:02: In diesen Fällen war die Verschickung oft eine staatliche Verordnung, der man sich als Elternteil kaum entziehen konnte ohne als unfähig zu gelten.

00:22:15: Aber das ist nur die halbe Wahrheit!

00:22:18: Die Verschickung reichte bis tief in das Bildungsbürgertum hinein.

00:22:23: Auch die Kinder von Professoren, Beamten oder gut situierten Kaufleuten saßen in diesen Zügen.

00:22:31: Der Grund dafür war der absolute Glaube an die medizinische Autorität.

00:22:37: In den fünftiger und sechziger Jahren war der Arzt eine gottgleiche Instanz.

00:22:43: Wenn der Kinderarzt einer wohlhabenden Familie im Willenviertel sagte Das Kind ist zu blass!

00:22:50: Es braucht mal die gute Seeluft Dann wurde das nicht hinterfragt.

00:22:55: Im Gegenteil, man war stolz darauf seinem Kind diese exklusive Kur ermöglichen zu können – es galt als verantwortungsbewusst und modern die medizinischen Segnungen der Zeit in Anspruch zu nehmen.

00:23:13: Da existierte jedoch ein feiner aber grausamer Unterschied in der Wahrnehmung.

00:23:20: Während die Kinder aus armen Familien oft aus Gründen der, in Anführungsstrichen sozialen Hygiene verschickt wurden, schickte das Bürgertum seine Kinder aus Gründe der Optimierung.

00:23:36: Doch egal aus welchem Elternhaus sie kamen – sobald Sie die Schwelle des Kurheims übertraten waren sie alle gleich!

00:23:46: Dort wartete die Uniformierung.

00:23:49: Die schicken Kleider der Bürgertöchter wurden gegen die Einheitswäsche des Heims getauscht.

00:23:55: Das System der Verschickung war ein großer Gleichmacher, allerdings im negativen Sinne – es entzog jedem Kind egal welcher Herkunft seine Individualität und seinen Schutzraum.

00:24:11: Interessanterweise war gerade in den gebildeten Schichten die Hemmschwelle oft sogar höher!

00:24:17: Das Kind vorzeitig zurückzuholen oder auf seine Beschwerden zu reagieren.

00:24:23: Man vertraute auf die Wissenschaftlichkeit der Maßnahme, wenn das Kind in seinen Briefen von Leid und Tränen berichtete wurde das im bürgerlichen Kreisen oft als Charakterschwach abgetan.

00:24:37: man wollte ja dass das Kind etwas lernt und stark wird.

00:24:43: So blieb die schwarze Pädagogik quer durch alle Schichten gesellschaftlicher Konsens.

00:24:52: Die Verschickung war somit kein Ausdruck von Armut, sondern ein Ausdruk einer Zeit in der die Expertenhörigkeit größer war als die älterliche Intuition.

00:25:05: Es war eine Epoche, in der man glaubte, Institutionen könnten Erziehung und Gesundheit besser managen als die eigene Familie Ob Arbeiterkind oder Fabrikantenerbe, im System der Verschickung wurden sie alle zu den gleichen kleinen Nummern in einem großen namenlosen Apparat.

00:25:29: Lasst uns diesen Momenteankunft einmal ganz nah begleiten!

00:25:34: Um das was nun folgt greifbar zu machen geben wir einen der Kinder einen Namen.

00:25:41: Nennen wir es beispielhaft Stefan.

00:25:45: Stefan ist sechs Jahre alt, er hat seinen kleinen Koffer dabei auf dem sein Name steht und er ist einer von den Millionen die in diesen Jahrzehnten an einem fremden Bahnsteig standen.

00:26:00: Stell dir vor, Stefan steigt nach einer stundenlangen Fahrt aus dem Zug.

00:26:06: Er isst müde Die Luft riecht nach Salz weil er an der Nordsee angekommen ist aber er fühlt keine Vorfreude oder Urlaubsstimmung.

00:26:16: Anstelle von Mama und Papa stehen da Frauen in weißen oder dunklen Trachten, die sogenannten Tanten, die nun das Kommando übernehmen.

00:26:29: Der Ton ist nicht herzlich – er ist funktional!

00:26:33: Aufstellen in Zweier

00:26:34: rein!"

00:26:35: schallt es über den Bahnsteig.

00:26:39: Stefan spürt in diesem Moment zum ersten Mal diese vollkommene Schutzlosigkeit.

00:26:45: Zu Hause war er Stefan, der Sohn, der Enkel – hier ist er nur ein Körper, der verwaltet wird!

00:26:54: Der Weg zum Heim ist kein Spaziergang, es isst einen Marsch und als die schweren Türen des Kurheims hinter der Gruppe ins Schloss fallen beginnt das was viele Betroffene später als den Verlust der Identität beschrieben

00:27:11: haben.".

00:27:12: Einer der ersten Schritte in fast jedem Heim war die Entpersönlichung.

00:27:19: Stefan muss seine Kleider ausziehen, Die Sachen, die seine Mutter mit so viel Sorgfalt ausgesucht und mit seinem Namen bestickt hat werden ihm weggenommen.

00:27:31: Er bekommt Heimkleidung oft kratzige einheitliche Wäsche, die schon hunderte Kinder vor ihm getragen haben.

00:27:40: In manchen Heim werden den Kindern sogar die Haare kurz geschoren, angeblich aus hygienischen Gründen.

00:27:47: Aber psychologisch war es eine Rasur der Seele.

00:27:52: Dann folgt die erste Untersuchung.

00:27:55: Stefan muss nackt vor einer fremden Frau oder einem Arzt stehen – er wird gewogen und vermessen und sein Rachen wird inspiziert.

00:28:05: Es gibt keinen Sichtschutz und keine Intimität.

00:28:10: Charme ist in der Welt der Verschicklung nicht vorgesehen.

00:28:13: Wer weint, wird ermahnt – ein großer Junge weint nicht!

00:28:19: Oder stelle dich nichts so an, wir wollen dich hier gesund

00:28:22: machen.".

00:28:24: Statt eines liebevollen Gute Nacht gibt es eine Nummer auf einem Platz in einem riesigen Schlafsaal.

00:28:31: Stellen wir uns diesen Raum vor.

00:28:34: Zwanzig dreißig Betten in einer Reihe.

00:28:37: Alles weiß alles steril.

00:28:40: Es riecht nach Bonawax und Desinfektionsmittel.

00:28:43: Stefan liegt in diesem fremden Bett, das Laken ist steif und er vernimmt das leise Schluchzen der anderen Kinder im dunklen Raum.

00:28:53: Aber er darf nicht aufstehen!

00:28:55: Er darf niemanden trösten – und er wird selbst nicht getröstet.

00:29:00: Sprechen nach dem Licht ausmachen isst streng verboten und wird

00:29:04: bestraft.".

00:29:07: In dieser ersten Nacht im Heim begreifen Kinder wie Stefan etwas sehr Grundlegendes.

00:29:13: Sie sind hier ganz allein, es gibt keine Instanz an die sie sich wenden können.

00:29:19: Die Regeln sind absolut und die Bezugspersonen sind keine Tröster sondern aufseher.

00:29:27: Es ist der Moment in dem das Urvertrauen dass in den ersten Lebensjahren mühsam aufgebaut wurde Tiefe Risse bekommt.

00:29:37: Man hat ihnen gesagt, sie kämen an die frische Luft um stark zu werden – aber das Erste was Sie in diesen kalten Schlafsälen lernen ist Ohnmacht!

00:29:50: Der Tag im Heim beginnt nicht mit einem sanften Wecken sondern mit einem Signal.

00:29:56: Meistens isst es eine Trillerpfeife oder das laute Aufreißen der Türen zum Schlafsaal.

00:30:03: Für Stefan und die anderen Kinder bedeutet das sofort aufstehen.

00:30:08: Es gibt kein Trödeln, kein Kuscheln unter der Decke und keinen Gänen, Strecken- und Augenreiben – alles ist auf Effizienz und Disziplin getrimmt!

00:30:20: Einer der belastendsten Aspekte dieses Alltags ist die vollkommene Taktung.

00:30:27: Jede Minute ist verplant.

00:30:29: Das erste Ritual des Tages ist oft das gemeinsame Waschen, meist mit eiskaltem Wasser.

00:30:36: Denn Abhärtung ist ja das große Ziel!

00:30:40: Die Kinder stehen in Reihen an langen Waschbecken oft unter der strengen Aufsicht einer Tante die genau kontrolliert ob die Ohren sauber sind und niemand trödelt.

00:30:53: Individualität ist hier ein Störfaktor.

00:30:57: Wer zu langsam ist, wird öffentlich gemahrsregelt.

00:31:02: Nach dem Waschen folgt ein Programmpunkt der in fast allen Berichten der Verschickungskinder vorkommt – die sogenannte Liegekur.

00:31:12: Man stelle sich das vor, Dutzende Kinder müssen für ein oder zwei Stunden vollkommen still auf Ligen im Freien oder in großen Hallen liegen!

00:31:24: Sie dürfen sich nicht bewegen, sie dürfen nicht flüstern.

00:31:28: Sie dürfen nicht spielen!

00:31:31: Das kennen wir aus tuberkulose Sanatorien für Kinder.

00:31:36: Sie sollten die gute Luft einatmen.

00:31:39: Für einen Kind im Grundschulalter ist diese erzwungene Reglosigkeit eine psychische Tortur.

00:31:47: Es ist eine Form der sensorischen Deprivation.

00:31:51: Man isst allein mit seinen Gedanken seinem Heimweh und der Angst, durch eine ungeschickte Bewegung den Zorn des Personals auf sich zu ziehen.

00:32:03: Dann kommt das Essen – und hier zeigt sich die ganze Härte der damaligen Ideologie am deutlichsten!

00:32:11: Erinnern wir uns an das Ziel Gewichtszunahme.

00:32:16: Die Mahlzeiten sind keine Momente des Genusses sondern sie sind Maßnahmen.

00:32:23: Es herrscht, es zwang.

00:32:25: Wenn Stefan den fetten Eintopf oder den Grießbrei nicht darunter bekommt – weil er vor Heimweh einen zugeschnürten Hals hat – gibt es kein Arbanen!

00:32:37: Es gibt Berichte von Kindern die Stunden vor ihrem kalten Teller sitzen bleiben mussten bis er leer war.

00:32:45: In den schlimmsten Fällen wurde das Erbrochene wieder

00:32:48: vorgesetzt.".

00:32:50: Essen wurde als Kampfmittel eingesetzt, um den Widerstand des Kindes zu brechen.

00:32:57: Wer auf ist?

00:32:58: Ist brav?

00:32:59: Wer zunimmt?

00:33:01: Ist gesund!

00:33:04: Dazwischen gibt es die medizinischen Anwendungen.

00:33:08: Die Kinder werden in Gruppen zur Höhensonne geschickt – sie müssen mit Schutzbrillen unter UV-Lampen sitzen wieder in Reih und Glied wie kleine Soldaten in einer Strahlenkammer oder sie müssen Wechselbärder über sich ergehen lassen.

00:33:25: Alles findet in einer Atmosphäre der Sterilität statt, es gibt kaum Spielzeug, keine bunten Bilder an den Wänden und auch keine Rückzugsorte.

00:33:37: Versuchen wir das Unaussprechliche einzuordnen!

00:33:42: Es gibt viele Zeitzeugenberichte über körperliche Misshandlungen vor allem mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der Heimordnung also um zum Beispiel den Esszwang oder andere pädagogische Konzepte durchzusetzen.

00:33:58: Kinder wurden geschlagen, gefesselt und ruhig gestellt – sie konnten nicht auf rechtlichen Beistand hoffen, denn die juristische Kälte jener Jahre traf auf eine gesellschaftliche Haltung, die gehorsam über Unversehrtheit

00:34:14: stellte.".

00:34:16: Das bis nineteenhundertsechsundsechzig im BGB festgeschriebene Züchtigungsrecht bildete das Fundament für ein Klima, in dem Sätze wie Eine Ohrfeige hat noch Keimen geschadet.

00:34:30: Zum Eisernen Erziehungskonsens gehörten Gewalt wurde nicht als Versagen sondern als notwendiges Werkzeug der Charakterbildung begriffen.

00:34:42: In den Verschickungsheimen führte dies zu einer gefährlichen Eigendenamik.

00:34:48: Obwohl es für die Übertragung des elterlichen Züchtigungsrechts auf die Heimleitung oder die Erzieherinnen keine explizite rechtliche Grundlage gab, wurde diese Machtbefugnis im Alltag stillschweigend vorausgesetzt.

00:35:04: Man agierte in einem rechtsfreien Raum der Ersatzautorität.

00:35:11: Das Personal leitete aus der gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt ein Mandat ab, Kinder durch körperliche Misshandlungen zu disziplinieren.

00:35:22: Dass es bis zum zweiten November zweitausend dauerte – bis das Recht auf gewaltfreie Erziehung im BGB verankert wurde – verdeutlicht die Trägheit dieses Wandels!

00:35:35: Für die Verschickungskinder der neunzehntfünfziger bis neunzenhundertachtziger Jahre bedeutete diese Verzögerung eine doppelte Schutzlosigkeit.

00:35:46: Der Staat schaute weg, während die Gesellschaft die Misshandlung als strenge Kur legitimierte.

00:35:55: Die Kinder waren somit nicht nur den Mauern der Heime ausgeliefert sondern auch einer Rechtsordnung, die ihre Würde dem vermeintlichen Erziehungsziel unterordnete.

00:36:07: Diese aus unserer Sicht Missstände führten sogar zu Todesfällen, meist ohne wirklich rechtliche Aufarbeitung.

00:36:18: Aber es kam auch zu unfallbedingten TodesFällen.

00:36:22: So war der Betreuungsschlüssel bei den Bahnfahrten teilweise so gering dass Kinder aus den Zugtüren fehlen.

00:36:30: Neben den physischen Misshandlungen erinnern sich jedoch auch viele ehemalige Verschickungskinder an die psychischen Qualen, denen sie ausgesetzt waren.

00:36:40: Neben Heimweh und Einsamkeit wird fast immer Angst, Scham und das Gefühl der Ohnmacht genannt.

00:36:48: Die Kinder waren dem Gutdünken, der oft pädagogisch nicht ausgebildeten Betreuungspersonen ausgeliefert.

00:36:58: Selbst die Verbindung zur Außenwelt, die Briefe nach Hause sind Teil des Systems.

00:37:05: Einmal in der Woche dürfen oder müssen die Kinder schreiben aber sie sind dabei nicht frei!

00:37:13: Die Tanten gehen herum lesen mit oder diktieren sogar was geschrieben werden soll.

00:37:21: Mir geht es gut das Essen schmeckt.

00:37:24: ich freue mich auf die nächste Woche Wenn ein Kind schreibt, dass es weint oder nach Hause will.

00:37:31: Wird der Brief oft zerrissen?

00:37:33: Oder das Kind muss ihn so lange neu schreiben bis die heile Welt der Verschickung wiederhergestellt ist.

00:37:41: Während die systematische Gewalt in den Heimen vor allem durch körperliche Misshandlungen und psychischer Zermürbung geprägt war dokumentierten Untersuchungen auch Fälle sexualisierter Gewalt.

00:37:55: Auch wenn diese laut aktueller Studienlage zahlenmäßig nicht im Zentrum des Systems standen, wiegt jede einzelne Erfahrung schwer.

00:38:06: Für die Betroffenen bedeuteten diese Übergriffe einen ultimativen Bruch ihrer Integrität in einem Raum der eigentlich ihrem Wohlbefinden dienen sollte.

00:38:19: Aber warum schritten die Eltern nicht ein?

00:38:23: Zum Einen weil sie gar keine Notwendigkeit erkannten, zum anderen aber auch, weil ihnen z.B.

00:38:30: für Kurabbrüche die Übernahme eines sogenannten Ausfallgeldes angedroht wurde.

00:38:38: Für Stefan verschwimmen währenddessen die Tage!

00:38:43: Es gibt keinen Unterschied zwischen Montag und Donnerstag – es ist ein endloser Kreislauf aus Stillstehen, Schweigen und

00:38:53: Funktionären.".

00:38:55: Die Zeit dehnt sich ins Unendliche.

00:38:58: Und während die Lungen vielleicht tatsächlich die bessere Seeluft atmen, lernt das Herz etwas ganz anderes.

00:39:07: Es lernt dass es am sichersten ist keine Gefühle mehr zu zeigen.

00:39:13: Man nennt das in der Psychologie Dissoziation Eine Art emotionales Verstummen die Wärme als Gefahr für die Disziplin betrachtet.

00:39:30: Dissoziation ist eigentlich ein faszinierender, aber auch erschreckender Schutzmechanismus unserer Psyche!

00:39:39: Wenn der Schmerz – die Angst oder die Einsamkeit für einen Menschen so unerträglich groß wird dass er sie nicht mehr verarbeiten kann dann spaltet das Gehirn diese Gefühle ab.

00:39:54: Stell dir Stefan vor, wie er auf dieser Liege liegt oder vor dem vollen Teller sitzt den er nicht essen kann.

00:40:03: Wenn er keine Fluchtmöglichkeit hat und die gibt es im Heim nicht dann flieht er nach innen.

00:40:11: Das Kind geht weg obwohl es physisch noch da ist.

00:40:16: Es schaltet auf Autopilot Die Umgebung wird wie durch Watte wahrgenommen, der eigene Körper fühlt sich fremd an und die Emotionen werden regelrecht eingefroren.

00:40:30: Die damaligen Erzieherinnen verbuchten genau dieses Verhalten als Erfolg.

00:40:36: Ein Kind das dissoziiert ist nämlich ein pflegeleichtes Kind.

00:40:42: Es weint nicht mehr es widerspricht nicht mehr Es starte einfach nur noch still vor sich hin.

00:40:50: Sie hielten das für Anpassung oder gar für einen Kurerfolg.

00:40:54: Dabei war es der Zusammenbruch der kindlichen Psyche, Das Kind hatte aufgegeben weil es gelernt hatte dass Schreien nichts bringt und Mama und Papa nicht kommen um es abzuholen oder wenigstens zu trösten.

00:41:13: Das türkische ist.

00:41:15: diese Dissoziation blieb oft nicht im Heim.

00:41:19: Viele Kinder kehrten in diesem Zustand nach Hause zurück.

00:41:23: Sie waren brav, sie waren still – aber sie waren innerlich nicht mehr erreichbar!

00:41:30: Die Eltern freuten sich über das wohlerzogene ruhige Kind mit den Pausbäckchen ohne zu merken, dass sie eine leere Hülle zurückbekommen hatten, deren wahres Ich sich tief im Inneren versteckt hatte um zu überleben….

00:41:48: Stellen wir uns nun den Tag der Rückkehr vor.

00:41:52: Der Zug rollt wieder im Heimatbahnhof ein, auf dem Bahnsteig stehen die Eltern voller Erwartung.

00:42:00: Sie haben ihr Kind sechs Wochen lang vermisst sie haben sich Sorgen gemacht und nun wollen sie das Ergebnis dieser kostspieligen und staatlich empfohlenen Maßnahme sehen.

00:42:13: Stefan steigt aus er sieht anders aus Er ist vielleicht braun gebrannt von der Sonne an der See, und ja seine Wangen sind runter geworden.

00:42:25: Die Waage im Heim hat ihr Soll erfüllt!

00:42:28: Aber wenn seine Mutter ihn in den Arm nehmen will spürt sie oft eine seltsame Distance.

00:42:35: Stefan lässt es geschehen aber er erwidert die Umarmung nicht mehr mit der gleichen Unbeschwertheit wie früher wie wir es gerade besprochen haben, wie eingefroren.

00:42:50: Die Eltern interpretieren das in dieser Zeit oft völlig falsch – sie sehen die Stille, den Neue Disziplin und das ordentliche Benehmen als Zeichen von Reife.

00:43:03: »Die Kur hat ihm gutgetan« sagen Sie zu den Nachbarn.

00:43:07: Er ist so vernünftig geworden!

00:43:10: Sie ahnen nicht, dass diese Vernunft in Wahrheit eine Schutzmauer ist.

00:43:16: Stefan hat im Heim gelernt, dass Gefühlsäußerungen gefährlich sind.

00:43:22: Er hat gelernt, das man am besten fährt wenn man keine Bedürfnisse anmeldet.

00:43:28: Er funktioniert jetzt wie ein kleiner Erwachsener aber er hat den emotionalen Kontakt zu sich selbst verloren.

00:43:37: und dann kommt der Moment am Küchentisch nachdem die erste Euphorie verflogen ist.

00:43:45: Die Mutter fragt, na?

00:43:48: Wie war es denn nun wirklich?

00:43:49: Erzähl doch mal!

00:43:52: Und Stefan schweigt.

00:43:54: Oder er sagt nur, schön – er kann nicht erzählen was passiert isst.

00:44:01: Zum einen weil ihm die Worte für das Unfassbare fehlen, Tanten, zum anderen weil die Dissoziation wie ein Nebel über den Erinnerungen liegt.

00:44:20: Wenn das Gehirn zum Überleben abspeichert dass eine Erfahrung nicht stattfinden darf dann ist sie auch als Erzählung nicht ohne weiteres verfügbar.

00:44:31: aber es gibt noch einen tieferen Grund für dieses Schweigen Es ist der Verrat.

00:44:38: aus der Sicht des Kindes haben die Eltern es in diese Hölle geschickt.

00:44:44: Sie waren die Komplizen des Systems!

00:44:47: Wenn Stefan jetzt erzählen würde, wie schrecklich er war, müsste er gleichzeitig die Frage stellen – Warum habt ihr mir das angetan?

00:44:59: Das ist eine Frage, die ein Kind kaum ertragen kann, denn es ist auf die Liebe und den Schutz dieser Eltern angewiesen.

00:45:08: Also schweigt es um die brüchige Harmonie zu retten.

00:45:13: Wir haben es hier mit einem Loyalitätskonflikt zu tun.

00:45:18: In der Logik eines Kindes ist es unvorstellbar, dass die Eltern –die eigentlichen Beschützer– einen willendlich an einen grausamen Ort geben.

00:45:30: Um dieses Paradoxon aufzulösen schützt das Kind die Eltern und nimmt die Schuld auf sich selbst.

00:45:39: Es denkt nicht, meine Eltern haben mich im Stich gelassen.

00:45:44: Sondern es denkt ich muss wohl wirklich so schwierig oder krank gewesen sein dass man mich weg schicken musste.

00:45:52: Das Kind wird zum Wächter des älterlichen guten Gewissens um die lebensnotwendige Bindung nichts zu gefährden.

00:46:02: Erschwert wurde dieser Konflikt durch ein Phänomen das wir heute als Gaslighting bezeichnen.

00:46:10: Wenn Stefan nämlich doch einmal einen vorsichtigen Versuch unternimmt, von den harten Betten oder den strengen Strafen zu berichten, stößt er oft auf eine Mauer der Ablehnung.

00:46:23: – Ach was!

00:46:25: das bildest du dir ein, hieß es dann?

00:46:29: Oder stell dich nicht so an….

00:46:31: Das war eine teure Kur und die Tanten meinten es doch nur gut mit dir.

00:46:36: Durch dieses Gaslighting wurde Stefan die eigene Wahrnehmung abgesprochen.

00:46:43: Ihm wurde eingeredet, dass sein Schmerz nicht real sei oder das Erschlicht zu empfindlich reagiert habe.

00:46:52: Wenn die engsten Bezugspersonen die eigene Realität so massiv in Frage stellen beginnt das Kind an seinem Verstand und seinem eigenen Gefühl zu zweifeln.

00:47:05: Der Schmerz über das Erlebte wird so tief vergraben, dass er oft für Jahrzehnte unsichtbar bleibt.

00:47:13: Doch der Riss im Urvertrauen dieser stille Verrat im Namen der Gesundheit bleibt als dunkler Schatten im Fundament der Persönlichkeit zurück.

00:47:25: Dieses Schweigen trifft auf eine Elterngeneration die ohnehin nicht gelernt hat, über Gefühle oder Traumata zu sprechen!

00:47:33: Man wollte nach dem Krieg nach vorne schauen, man wollte aufbauen.

00:47:38: Man wollte keine Probleme wälzen!

00:47:41: Wenn die Kinder also nicht von sich aus klagten – und das taten die wenigsten, weil sie ja im Heim zum Schweigen erzogen worden waren — dann bohrte man nicht nach.

00:47:52: Man wolle glauben, dass alles gut

00:47:54: war.".

00:47:56: So entstand eine oft jahrzehnte andauernde Mauer Aussprachlosigkeit.

00:48:02: Die Kinder wuchsen auf mit dem Gefühl, dass ihre Wahrnehmung nicht stimme.

00:48:08: Sie hatten die Kur als Qual erlebt – aber die Welt um sie herum feierte sie als Wohltat.

00:48:16: Dieser Widerspruch zwischen der eigenen inneren Wahrheit und der äußeren Behauptung der Pausbäckchenwelt ist der Kern dessen was wir heute als Entwicklungstrauma

00:48:30: bezeichnen.".

00:48:32: Stefan nimmt dieses Schweigen mit in seine Jugend, In sein erwachsenen Leben – vielleicht sogar in seiner eigene Elternschaft.

00:48:41: Die Kur war nach sechs Wochen vorbei Aber die emotionale Isolation, die an jenem Tag auf dem Bahnhof begann Sollte für viele Verschickungskinder erst nach fünfzig oder sechzig Jahren enden Wenn sie als alte Menschen zum ersten Mal wagten die Koffer ihrer Erinnerung wieder zu öffnen.

00:49:05: Das ist genau der Grund, warum viele Verschickungskinder erst Jahrzehnte später – oft erst im Alter von sechzig oder siebzig Jahren plötzlich von ihren Erinnerungen überrollt werden!

00:49:19: Wenn der Schutzwahl der Dissoziation im Alter Risse bekommt, bricht das Trauma von damals mit voller Wucht hervor.

00:49:28: Es ist oft so dass das Leben eines Erwachsenen wie eine Art Korsett abläuft.

00:49:36: Man baut die Karriere auf, man gründet die Familie und man funktioniert im Alltag.

00:49:43: Die Verdrängung arbeitet auf Hochtouren um das Leben am Laufen zu halten.

00:49:49: Stefan – unser beispielhaftes Kind ist jetzt vielleicht rentner!

00:49:56: Die Kinder sind aus dem Haus der Job ist vorbei Die tägliche Ablenkung fällt weg und plötzlich in der Stille des Ruhestands beginnen die Bilder zurückzukehren.

00:50:10: Oft ist es ein winziger Auslöser, den Geruch von Bonawax in einem Krankenhausflur das Geräusch einer Trillapfeife auf dem Sportplatz oder einen Bericht in der Zeitung über die Verschickungskinder.

00:50:27: In diesem Moment passiert etwas Grausames.

00:50:31: Die Zeit kollabiert!

00:50:34: Der siebzigjährige Stefan sitzt in seinem Wohnzimmer, aber seine Seele fühlt sich plötzlich wieder an wie die des sechsjährigen am Bahnhof.

00:50:47: Das ist das Wesen des Traumers.

00:50:50: Es hat sich festgebissen.

00:50:54: Wir erleben heute eine Welle der Aufarbeitung Weil für diese Generation jetzt die Freiheit besteht und sich oft auch die schmerzhafte Notwendigkeit ergibt, hinzusehen.

00:51:08: Viele Betroffene berichten, dass sie erst nach dem Tod ihrer Eltern anfangen konnten zu sprechen.

00:51:15: Erst als die Loyalität gegenüber den in Anführungsstrichen Tättern aus Liebe nicht mehr aktiv aufrechterhalten werden musste war der Weg frei für die eigene Wahrheit.

00:51:30: Daraus ist eine Bewegung entstanden.

00:51:33: Seit zwei tausend neunzehn gibt es Vernetzungstreffen, Vereine und Forscher die sich dieses Themas annehmen.

00:51:42: Aus dem einsamen Stefan von damals ist eine Gruppe von Tausenden geworden Die feststellen ich war nicht allein Ich war nicht überempfindlich.

00:51:55: Es ist wirklich passiert.

00:51:59: Diese späte Aufarbeitung ist für viele ein Befreiungsschlag, aber sie ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

00:52:08: Die Akten in den Archiven der Kassen und Kommunen werden nach bestimmten Fristen vernichtet.

00:52:15: Viele Heime sind längst abgerissen oder zu Luxus-Apartments umgebaut worden – doch die Narben auf den Seelen der Millionen Kinder von damals, die sind noch da!

00:52:28: Sie sind das unsichtbare Erbe einer Epoche, die glaubte man könne Gesundheit erzwingen indem man die Seele bricht.

00:52:39: An dieser Stelle müssen wir jedoch kurz innehalten.

00:52:43: wenn wir diese dunklen Geschichten hören entsteht leicht der Eindruck eines lückenlosen Systems des Schreckens aber die historische Wahrheit ist wie so oft vielschichtiger.

00:52:57: Wir wissen heute unter anderem durch Studien der Universität Kiel, dass es auch eine andere Realität gab.

00:53:05: In Orten wie zum Beispiel St.

00:53:07: Peter Ording, einem der Zentren der Kinderverschickung, gab es Heime an die sich ehemalige Verschickungskinder durchaus positiv erinnern.

00:53:19: Dort berichten Zeitzeugen von engagierten Erzieherinnen, sondern mit echter Zuwendung arbeiteten.

00:53:30: Es gab Heime, in denen das Spiel am Strand tatsächlich Freude bereitete, in den das Essen schmeckte und in denen die Kinder sich wirklich erholt haben.

00:53:41: Einige Forscher betonen, dass es stark von der jeweiligen Heimleitung und dem Träger abhing.

00:53:48: Dazu kann man die Zustände der fünftiger, sechziger und siebziger Jahre nicht zwangsläufig in Deckung zu den achtziger oder frühen neunziger Jahren bringen.

00:54:01: Und natürlich gab es auch Heime, die schon früh moderne pädagogische Ansätze verfolgten – und versuchten, den Kindern die Trennung so leicht wie möglich zu machen!

00:54:14: Es gab auch DIE Tanten die nachts am Bett saßen und Tränen trockneten, statt mit Strafen zu drohen.

00:54:24: Warum ist dieser Aspekt so wichtig?

00:54:27: Er ist wichtig weil er zeigt dass das Leid in den anderen Heim kein unvermeidbares Produkt der Zeit war.

00:54:35: Die Existenz von guten Heimen beweist, daß man es auch damals schon hätte besser wissen und besser machen können.

00:54:44: Die Empathielosigkeit in der schwarzen Pädagogik war eine Entscheidung.

00:54:49: Kein Schicksal!

00:54:52: Für unseren Stefan macht das die Sache natürlich komplizierter, wenn er heute hört dass andere Kinder eine schöne Zeit hatten kann das seine eigenen Zweifel wieder befeuern.

00:55:05: Warum war es bei mir so schlimm?

00:55:08: Lag es vielleicht doch an mir aber genau deshalb ist die Forschung so wertvoll.

00:55:14: Sie ordnet ein, dass das erlebte – egal ob gut oder grausam – von den Strukturen vor Ort abhängen.

00:55:23: Es gab beide Welten oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt und beide Wahrheiten haben ihren Platz in dieser Geschichte.

00:55:33: Zur Wahrheit gehört aber auch, daß die überwältigende Mehrheit über negative bis verheerende Erfahrungen in den Heimen berichtet.

00:55:46: Und wenn wir heute auf das Schicksal von Menschen wie Stefan blicken, dann tun wir das in einer Zeit, in der das Schweigen endlich bricht!

00:55:56: Es ist eine Bewegung von unten nach oben – es waren die Betroffenen selbst, die sich über das Internet suchten und fanden.

00:56:06: Erst im Jahr twenty-neunzehn kam es zu einem entscheidenden Wendepunkt als die erste Vernetzungskonferenz der Verschickungskinder stattfand.

00:56:16: Heute gibt es Organisationen wie den Verein Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickungen, der bundesweit aktiv ist.

00:56:27: Diese Verbände leisten eine Arbeit, die eigentlich der Staat oder die Träger der Heime hätten leisten müssen.

00:56:35: Sie helfen bei der Aktenrecherche, sie vernetzen Zeitzeugen und sie fordern eine offizielle Anerkennung des Leids.

00:56:44: Allerdings tut sich inzwischen auch bei den Verantwortlichen etwas – so legte die Humboldt-Universität Berlin, in twentyfünfundzwanzig eine von den Wohlfahrtsverbänden und der deutschen Rentenversicherung in Auftrag gegebene über siebenhundert Seiten umfassende Studie vor.

00:57:05: Auch Wenn die Träger die Studie bezahlt haben, kamen hier die Betroffenen ausführlich zu Wort und wurden als glaubhafte historische Quellen ernst genommen.

00:57:18: Was Klagen angeht stoßen viele Betroffene an eine bittere Grenze – Die Verjährung!

00:57:25: Da die Vorfälle oft fünfzig oder sechzig Jahre zurückliegen ist es juristisch extrem schwer einzelne Verantwortliche oder Träger zur Rechenschaft zu ziehen.

00:57:38: So bleibt die Frage, gibt es so etwas heute noch?

00:57:44: Also Verschickungen – das ist die Frage die uns am meisten umtreibt.

00:57:51: Haben wir aus der Geschichte gelernt?

00:57:55: Die kurze Antwort lautet ein System wie das der Verschikungskinder mit dieser massenhaften wochenlangen Trennung von den Eltern Bei gleichzeitigem, völligen Kontaktabbruch gibt es in Deutschland heute nicht mehr.

00:58:11: Die moderne Pädagogik und die Kinder-und Jugendmedizin haben radikal umgedacht.

00:58:18: Heute gilt das Prinzip der Mitaufnahme.

00:58:21: Wenn Kinder heute zur Kur oder ins Krankenhaus müssen ist es Standard dass eine Bezugsperson meist ein Elternteil dabei bleibt.

00:58:31: Man hat erkannt, dass die Trennung von den Eltern für ein krankes Kind keinen therapeutischen Nutzen hat sondern im Gegenteil den Heilungsprozess massiv behindert.

00:58:44: Das Recht des Kindes auf seine Eltern ist heute gesetzlich und ethisch fest verankert!

00:58:52: Wenn ihr darüber mehr erfahren möchtet dann empfehle ich euch meine Weihnachtsfolge mit dem Namen das Weihnachtswunder in der ich die Ronald McDonald Häuser behandle.

00:59:04: Dennoch gibt es Bereiche, in denen wir wachsam bleiben müssen.

00:59:09: Fachleute weisen darauf hin, dass es auch heute noch Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gibt, in den autoritäre Strukturen oder mangelnde Aufsicht zu Grenzüberschreitungen führen können.

00:59:24: Heute haben wir jedoch Beschwerde stellen – Wir haben Kinderrechte im Grundgesetz oder diskutierend deren Stärkung und wir haben eine Gesellschaft, die zumindest im Idealfall nicht mehr blind vor jeder Autorität im weißen Kittel kuscht.

00:59:44: Was bleibt?

00:59:47: Am Ende steht Stefan wieder an einem Bahnhof.

00:59:51: Diesmal ist er siebzig Jahre alt.

00:59:54: Er schaut nicht mehr auf die Schienen, die ihn damals wegführten sondern er blickt zurück auf ein Leben dass von diesen sechs Wochen in der Fremde tiefer geprägt wurde, als er es sich jemals eingestehen wollte.

01:00:09: Die Geschichte der Verschickungskinder ist keine Geschichte von früher – sie isst die Geschichte von Millionen Erwachsenen, die heute mitten unter uns leben!

01:00:21: Es sind unsere Eltern, unsere Nachbarn vielleicht wir selbst….

01:00:27: Sie alle tragen diesen unsichtbaren Koffer mit sich herum den sie damals am Heimtor abgeben mussten und den Sie mit der Rückkehr gefüllt, mit Schweigen wiederbekam.

01:00:40: Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe für uns heute gar nicht eine endgültige Antwort oder eine moralische Lehre zu finden?

01:00:49: Vielleicht geht es erst einmal darum auszuhalten dass dieses System existiert hat in all seiner Widersprüchlichkeit!

01:01:00: Da waren die Kinder, die im Watt spielten und lachten?

01:01:04: Und direkt daneben die Kinder – die nachts im Schlafsaal vor Angst erstarten.

01:01:11: Beides ist wahr!

01:01:13: Aber die wichtigste Erkenntnis für Stefan ist heute eine andere.

01:01:18: Er muss den Schutzwahl nicht mehr aufrecht erhalten….

01:01:22: …und genau das kann eben nur gelingen wenn die Dinge beim Namen genannt

01:01:26: werden.".

01:01:28: Heilung braucht einen Zeugen, sie braucht eine Gesellschaft die bereit ist hinzusehen ohne den Blick beschämt abzuwenden.

01:01:38: Es darf kein öffentlich pikiertes Schweigen mehr geben das die Opfer ein zweites Mal isoliert.

01:01:45: Transparenz und radikale Aufklärung sind das einzige was diesen tiefen Verrat an der Kindheit auflösen kann.

01:01:55: Stefan und all die anderen sollten sich nicht mehr erklären müssen.

01:02:00: Sie sollen nicht mehr beweisen müssen, dass ihr Schmerz real war!

01:02:06: Und hier schließt sich der Bogen zu den anderen fast unglaublichen Ereignissen, die wir in den letzten Jahren schmerzhaft aufarbeiten mussten – ob im kirchlichen Institutionen oder zum Beispiel ins schulischen Einrichtungen.

01:02:23: Überall dort, wo Macht ohne Kontrolle auf Schutzlosigkeit traf, herrschte dasselbe Muster aus Vertuschung und Scham.

01:02:34: Wenn wir heute Transparenz einfordern – dann tun wir das nicht aus einer Lust am Skandal sondern als Akt der Gerechtigkeit!

01:02:45: Wir holen die Wahrheit aus den dunklen Schlafseln.

01:02:53: Wenn das donnende Schweigen der Öffentlichkeit endet, kann auch das stille Schweigen in den Köpfen der Betroffenen aufhören.

01:03:26: Gesund.

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