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#030 Al Capones größter Kampf

Shownotes

In dieser Folge: Al Capone beherrschte Städte, befahl Gewalt und entkam jahrelang seinen Gegnern. Doch während sein Imperium wuchs, begann in seinem Inneren ein anderer Prozess – lautlos, langsam und unaufhaltsam.

Diese Folge erzählt von einer Krankheit, die sich im Kopf einnistet und dort alles verändert. Von Jahren, in denen alles funktioniert – und von dem Moment, in dem Denken, Urteilen und Realitätssinn zerfallen. Am Ende steht Alcatraz. Und ein Mann, der sich selbst verliert.

Eine Geschichte über Macht, Krankheit und den Kampf um das eigene Gehirn.

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Transkript anzeigen

00:00:17: Happy Birthday, liebe Geschichten der Medizin!

00:00:21: Ich kann mir das immer noch nicht vorstellen.

00:00:22: Dass ich jetzt schon ein Jahr lang dabei bin euch Geschichten zu erzählen.

00:00:27: Mein Baby ist sozusagen ein Jahr alt geworden und ich bin super glücklich dass es so gut läuft... jeden zweiten Dienstag wieder gerne anhören und dass ich auch so, so nette und freundliche Kommentare bekomme.

00:00:46: Vielen vielen herzlichen Dank!

00:00:48: Und nun kommen wir zur heutigen Folge.

00:00:52: Alcatraz Mitte der neunzehnhundertdreißiger Jahre.

00:00:58: Der Morgen kommt kalt über die Bucht.

00:01:01: Nebel liegt schwer auf dem Wasser Frist Geräusche Verschluckt Entfernung.

00:01:07: In einem der Zellentrakte sitzt ein Gefangener auf der Pritsche, den Blick ins Leere gerichtet.

00:01:15: Er wirkt wach aber irgendwie abwesend.

00:01:19: Eben noch hat er gemurmelt – jetzt schweigt er abrupt als hätte jemand mitten im Satz den Faden durchgeschnitten.

00:01:28: Der Mann steht auf geht ein paar Schritte bleibt stehen Seine Bewegungen sind farig, schlecht koordiniert.

00:01:38: Er tastet nach der Wand als müsse er sich vergewissern dass sie wirklich da ist.

00:01:44: Später wird er behaupten Stimmen gehört zu haben Antworten auf Fragen die er nie laut gestellt hat.

00:01:52: Manchmal lacht er unvermittelt, manchmal fährt er mitgefangene an Ohne erkennbaren Anlass.

00:02:00: Dann wieder sitzt er stundenlang da und entwirft Pläne von atemberaubender Größe.

00:02:08: Fabriken, die Tausende beschäftigen sollen Wohltaten für ein ganzes Land.

00:02:15: Die Werter kennen diese Wandlungen inzwischen.

00:02:18: Sie wissen dass er an manchen Tagen verwirrt ist zeitweise orientierungslos Dann wieder erstaunlich freundlich fast kindlich dass er nachts unruhig wird, Dinge ordnet und wieder verwirft als müsse er Stimmen in seinem Inneren in Einklang bringen.

00:02:39: Dass er krank ist – nicht körperlich im üblichen Sinn sondern im Innersten dort wo Gedanken entstehen und Erinnerungen halt geben.

00:02:51: Niemand spricht seinen Namen aus aber alle wissen dieser Mann war einmal mächtig Gefürchtet und bewundert zugleich.

00:03:01: Jetzt sitzt er hier, umgeben von Wasser- und Mauern Und verliert Stück für Stück den Zugriff auf sich selbst.

00:03:11: Es ist kein geringerer als El Capone Einer der respektiertesten Wenn nicht gefährlichsten Verbrecher Der dreißiger Jahre.

00:03:36: Willkommen zu Geschichten der Medizin Dem Podcast über medizinische Schicksale historische Wendepunkte und spektakulärer Fälle.

00:03:49: Ich bin Kerstin, Ärztin und Erzählerin.

00:03:55: Lasst uns gemeinsam auf eine Reise gehen durch solchen Entdeckungen- und dramatische Diagnosen mal weltbewegend, mal ganz persönlich immer medizinisch, immer spannend.

00:04:16: El Capones größter Kampf Amerika in den Zwanzigerjahren.

00:04:25: Jazz im verrauchten Clubs, flackernde Reklamen, schnelle Autos.

00:04:30: Alkohol ist verboten aber allgegenwärtig.

00:04:35: Gesetze gelten nur nicht für jeden.

00:04:38: Wer bereit ist sie zu brechen kann alles gewinnen.

00:04:43: Il Capone ist kaum Mitte zwanzig als er in Chicago ankommt Ein sohn italienischer Einwanderer aufgewachsen in Brooklyn.

00:04:53: Die Familie stammt aus der Gegend von Neapel.

00:04:57: Der Mann mit den blitzenden dunklen Augen ist groß, kräftig und charmant Mit einem sicheren Gespür dafür wie Macht funktioniert.

00:05:08: Innerhalb weniger Jahre kontrolliert er ein Imperium aus Schmuckel, Glücksspiel und Bordellen.

00:05:15: Wer sich widersetzt wird ausgeschaltet.

00:05:19: Bas fliegen in die Luft Menschen sterben.

00:05:23: Capone zieht selten selbst den Abzug, aber die Befehle kommen von ihm.

00:05:29: Dutzende – wahrscheinlich über hundert Morde gehen auf seine Entscheidung zurück.

00:05:37: Nach außen gibt er den Wohltäter.

00:05:40: Suppenküchen für Arbeitslose, großzügige Spenden, ein Lächeln für die Presse….

00:05:46: Innen ist alles kalkül!

00:05:49: In diesen Jahren ist er klar im Kopf, schnell im Denken und skrupellos in Handeln.

00:05:55: Es sind die Jahre seines Größten Erfolgs.

00:06:00: Früher mal!

00:06:01: Da gab es ein Zeichen – Ein Geschwür so eine Art Ausschlag.

00:06:07: Etwas das kam Und wieder verschwand.

00:06:11: Er schenkte ihm keine Beachtung.

00:06:13: Behandlung hätte es gegeben Aber sie wäre schmerzhaft gewesen und dazu noch langwierig und teuer.

00:06:22: Er heiratet, wird Vater!

00:06:25: Sehr wahrscheinlich steckt er seine Frau an.

00:06:28: Viel Geburten folgen, der Sohn bleibt gesundheitlich beeinträchtigt, Kapon schweigt und macht weiter.

00:06:38: Dann endet alles abrupt – nicht durch rivalisierende Gengs, nicht durch all die Gewalt sondern durch Steuern.

00:06:49: Der Fiskus klopft an die Tür.

00:06:55: one ende mit Akten, nicht mit Kugeln.

00:07:02: Zunächst sitzt er relativ komfortabel, doch mit der Verlegung nach Alcatraz ist jeder Sonderstatus vorbei.

00:07:11: Dort beginnt der sichtbare Verfall.

00:07:15: Er redet viel, entwickelt große Pläne glaubt, auserwählt zu sein Amerika zu retten und die Armut zu beenden.

00:07:24: Dann kommen die Aussetzer Orientierungslosigkeit Krampfanfälle Stimmen Momente in denen er freundlich und banal kindlich wirkt Und andere In denen er aggressiv und verwirrt ist.

00:07:41: Die Ärzte testen was sich mit den Methoden der Zeit testen lässt.

00:07:47: Das Ergebnis ist vernichtend.

00:07:50: Capone's geistige Leistungsfähigkeit gleicht der eines Siebenjährigen, Der Mann, der einst eine Stadt kontrollierte, verliert seinen Verstand.

00:08:03: Als er die Haft schließlich verlässt Ist vom Mythos kaum etwas übrig.

00:08:10: Er lebt ruhig und abgeschirmt.

00:08:13: Seine Frau kümmert sich um die Belange des einstigen Bandenschiffs Aber nun pflegebedürftigen Ehemannes.

00:08:21: In einem Krankenhaus beginnt die letzte Hoffnung der Medizin, man infiziert ihn absichtlich mit Malaria um hohes Fieber auszulösen.

00:08:32: Wochenlang leidet er unter kontrollierten Fieberschüben in der Hoffnung das zu schwächen was sein Gehirn zerstört.

00:08:42: Danach folgen weitere Behandlungen bis Mut Und Asienverbindungen.

00:08:49: Für kurze Zeit wird er klarer und gefaster, jedoch nie wieder stabil.

00:08:56: Penicillin kommt zu spät – es bekämpft die Ursache aber nicht die Jahre in denen das Gehirn bereits zerstört wurde.

00:09:06: El Capón stirbt nineteenhundertsehnundvierzig mit achtundvierzig Jahren!

00:09:12: Nicht standesgemäß also nicht durch Gewalt und auch nicht durch Verrat, sondern durch das langsame Werk einer Krankheit die ihn seit seiner Jugend begleitet hat.

00:09:26: Doch El Capon war kein Einzelfall!

00:09:29: Auch andere berühmte Persönlichkeiten wurden von einer Krankheitserfaßt, die nicht nur den Körper, sondern vor allem das Gehirnangriff – oft langsam aber öffentlich.

00:09:44: Da ist jede Mopasson einer der gefeiertsten Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts.

00:09:50: Berühmt für seine Messerschafen Beobachtungen und seine psychologische Klarheit, beginnt er in seinen vierzigern Stimmen zu hören, leidet unter Verfolgungswarn – und versucht schließlich sich das Leben zu nehmen!

00:10:07: Die letzten Jahre verbringt er im psychiatrischen Anstalten, geistig zerrüttet und körperlich schwer krank….

00:10:16: Ganz anders, fast tragikomisch wirkt das Schicksal von Florence Foster Jenkins.

00:10:24: Sie ist überzeugt von ihrem Gesangstalent, tritt in ausverkauften Seelen auf und hört selbst nicht wie sehr sie die Töne verfehlt.

00:10:35: Zeitgenossen berichten von fortschreitender neurologischer Beeinträchtigung.

00:10:40: Auch hier gilt eine zugrunde liegende Erkrankung als wahrscheinlicher Hintergrund für den Verlust jeder realistischen Selbsteinschätzung.

00:10:52: Und dann sind da jene, bei denen der medizinische Hintergrund bis heute diskutiert wird.

00:10:59: Friedrich Nietzsche bricht geistig zusammen, schreibt wirre Briefe und verliert jede Selbstkontrolle.

00:11:07: Die Diagnose bleibt umstritten – doch über Jahrzehnte gilt eine chronische Infektion als naheliegende Erklärung!

00:11:17: Ähnlich rätselhaft verlaufen die letzten Lebensjahre der Komponisten Franz Schubert und Robert Schumann.

00:11:25: Depressionen, Halluzinationen, Klinikaufenthalte – und früher tot!

00:11:33: Beim Maler Paul Gauguin kommen körperlicher Verfall, Schmerzen- und psychische Veränderungen hinzu, die ebenfalls in dieses Krankheitsbild passen.

00:11:45: Selbst bei Ludwig II.

00:11:47: wird bis heute spekuliert, ob eine unbehandelte Infektion zu seinen zunehmenden Realitätsverlusten beigetragen haben könnte.

00:11:57: Beweisen lässt sich das nicht!

00:12:00: Aber die zeitgenössischen Beschreibung seiner geistigen Verfassung geben der Vermutung Nahrung.

00:12:09: All diese Fälle zeigen Es handelt sich nicht nur um eine Krankheit des Körpers sondern um eine Krankheit des Geistes.

00:12:19: Sie zerstörte Karrieren, Beziehungen und das Selbstbild – oft lange bevor man verstand was eigentlich geschah!

00:12:30: Und genau deshalb hinterließ sie nicht nur medizinische, sondern auch kulturelle und historische Spuren die bis heute nachwirken.

00:12:42: Aber welche Krankheit war es nun?

00:12:44: unter der aus den genialsten Köpfen der Geschichte im Wahn vor sich hindermande Patienten mit den geistigen Fähigkeiten eines Kleinkindes wurden.

00:12:56: Gehen wir zurück in das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts!

00:13:01: Zu dieser Zeit geschieht in Europa etwas, dass die Ärzte ratlos mit den Schultern zucken lässt.

00:13:08: In den Städten und Herlagern taucht plötzlich eine neue Grausame Krankheit auf.

00:13:16: Männer mit Pustel über selten Gesichtern und Körpern, Mit brennenden Schmerzen in Armen und Beinen, Mit Geschwüren die Fleisch-und Knochen zerfressen.

00:13:28: Innerhalb weniger Monate breitet sich das Leiden Über ganze Regionen aus.

00:13:34: Zeitgenossen sprechen von einer Seuche, Die sie so noch nie gesehen haben!

00:13:42: und damit stellt sich eine Frage, die schon damals niemand beantworten konnte.

00:13:48: Wie kann eine Krankheit scheinbar aus dem Nichts mit solcher Wucht über Europa hereinbrechen?

00:13:57: Die Spur führt zurück in die frühen fourteenhundertneunziger Jahre und über den Atlantik.

00:14:05: Nach heute vorherrschender Auffassung steckten sich spanische Eroberer bei den Ureinwohnern Amerikas an.

00:14:14: So gelangte der Erreger aus Amerika nach Europa, wahrscheinlich ab fourteenhundertneunzig mit den Schiffen der ersten Rückkehrer aus der Karibik unter Führung Christoph Kolumbus.

00:14:29: Sehr wahrscheinlich wurden die Bordelle Barcelonas rasch von den zurückkehrenden Seeleuten infiziert und von dort aus gelangte die Krankheit mit den Truppen nach Italien.

00:14:43: Was zunächst vereinzelt blieb, erhielt seinen verhängnisvollen Schub durch den Krieg.

00:14:49: Fürzehnhundertvierundneunzig zog das Heer des französischen Königskahls VIII nach Italienne und drang bis nach Neapel vor.

00:15:00: Der militärische Erfolg war kurz – doch die Folgen waren nachhaltig!

00:15:07: Als das französische Heer auf dem Rückzug, fourteenhundertfünfundneinzig bei der Schlacht bei Fornovo geschlagen wurde, stießen venezianische Ärzte unter den gefangenen Soldaten auf ein erschreckendes neues Krankheitsbild.

00:15:25: Pustelartige Hautveränderungen wie Hirsekörner oft an den Genitalien, gefolgt von jahrelangen Leiden schweren Schmerzen und entstellenden Zerstörungen von Nase-, Augen-, Händen- oder Füßen.

00:15:42: Man deutete das Leiden noch als Gährung der Körpersäfte.

00:15:47: Er kannte jedoch rasch den sexuellen Übertragungsweg.

00:15:53: Besonders fatal war die Struktur dieses Heeres.

00:15:57: Karls Truppen bestanden überwiegend aus Söldnern, aus ganz Europa.

00:16:02: Aus Frankreich, Flandern der Schweiz Deutschland Italien und Spanien.

00:16:10: Als das Herzer fiel, kehrten diese Männer in ihre Heimat zurück Und trugen die neue Krankheit mit sich Trugen sie höchstwahrscheinlich überprostituierte In eine Gesellschaft hinein die über keinerlei Immunität verfügte.

00:16:28: Innerhalb weniger Jahre war sie auf dem ganzen Kontinent verbreitet, dann auch in allen Ständen der Bevölkerung.

00:16:38: Ganz unumstritten ist diese Erklärung bis heute nicht.

00:16:43: Einige Historiker vermuten, dass die Krankheit bereits zuvor in Europa existierte und nur eine aggressive Reform

00:16:52: annahm.".

00:16:54: oder erstmals als eigene Krankheit erkannt wurde.

00:16:59: Sie verweisen auf Skelettbefunde aus Europa, an deren Knochen angeblich krankheitstypische Veränderungen zu erkennen sein und die zeitlich vor den Atlantikreisen Christoph Kolumbus datiert wurden – doch eine umfassende Neubewertung hat diese Argumente deutlich

00:17:21: relativiert.".

00:17:24: Im Dezember two-tausend elf wurden sämtliche vierund fünfzig in der Fachliteratur beschriebenen europäischem Skelettfunde systematisch überprüft, sowohl im Hinblick auf eine saubere Diagnostik als auch auf eine verlässliche Datierung.

00:17:44: Das Ergebnis war eindeutig – keiner dieser Fälle hielt den heutigen methodischen Standards stand!

00:17:53: Entweder waren die Veränderungen unspezifisch, die Datierungen unsicher oder beides.

00:18:01: Statt die Gegenhybothese zu stützen, sprechen die verfügbaren Knochenfunde vielmehr dafür, dass die Krankheit vor dem späten fünften Jahrhundert in Europa nicht nachweisbar war!

00:18:17: Diese Befunde und die zeitliche Koincidenz aus transatlantischen Kontakten, Krieg- und massenhafter Mobilität machen für die meisten Medizinhistoriker den sogenannten kolumbianischen Ursprung zur überzeugendsten Erklärung.

00:18:37: Allerdings ist noch nicht abschließend geklärt ob die Krankheit auch schon in Übersee sexuell übertragbar war oder ob sich diese Eigenschaft erst nach ihrer Ankunft in Europa herausbildete.

00:18:54: Der Gerechtigkeit halber sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die spanischen und portugiesischen Eroberer Pocken- und Erkältungskrankheiten nach Amerika mitbrachten – und so die Zivilisation der Aztecken und Inka dezimierten, die keinerlei Immunität dagegen besaßen!

00:19:16: Die Ausbreitung dieser neuen Krankheit in Europa ließ sich jedenfalls kaum noch eindämmen.

00:19:23: So wurde aus einer unscheinbaren Einschleppung, binnen kürzester Zeit eine der gefürchtetsten Seuchen der frühen Neuzeit.

00:19:45: Jakob IV.

00:19:46: ließ eine öffentliche Anordnung verkünden, in der die Seuche unter dem Namen Grand Gore ausdrücklich als hochansteckend bezeichnet wurde.

00:19:59: Erkrankte sollten sich an einem festgelegten Vormittag am Strand von Leith einfinden.

00:20:06: Dort warteten Boote, die sie auf eine kleine Insel bringen sollten mitten in den kalten Gewässern des Firth of Forth.

00:20:15: Man versprach Versorgung mit Lebensmitteln, doch die Betroffenen sollten dort bleiben – nicht bis zur Genesung im medizinischen Sinne sondern so die Formulierung «bis Gott ihn ihre Gesundheit zurückgegeben habe».

00:20:33: Es war eine der frühsten dokumentierten Formen staatlich angeordneter Isolation.

00:20:40: um sicher zu gehen, dass sich niemand entzog, drohte der König zugleich mit drastischen Strafen.

00:20:48: Wer sich nicht fristgerecht zur Verschiffung meldete, sollte öffentlich mit einem glühenden Eisen im Gesicht gekennzeichnet werden.

00:20:58: In der Praxis wurden diese Maßnahmen wohl kaum oder gar nicht umgesetzt.

00:21:03: Ihre Existenz allein zeigt jedoch wie groß die Angst der europäischen Ubrigkeiten in den fourtzenhundertneunziger Jahren war, vor einer Krankheit, die sich rasend schnell ausbreitete und deren Wesen man kaum verstand.

00:21:22: Was man aber auch schon im sechzehn Jahrhundert glaubte zu verstehen, war dass die Krankheit etwas mit mangeln der Moral-und Sittlichkeit zu tun hatte!

00:21:35: Sie galt als neue Lustseuche, die besonders von jungen Männern verbreitet wurde.

00:21:42: Nun musste die Krankheit natürlich auch einen Namen bekommen.

00:21:47: Der erste war wohl Morbus Gallicus – also französische Krankheit.

00:21:53: Aber mit zunehmender Verbreitung beschuldigten sich die Länder gegenseitig und so kam es zu einer inflationären Zunahme von Namen!

00:22:05: Die Italiener sagten französische Pocken, die Franzosen große Pocken von Neapel.

00:22:12: Die Russen sprachen von der polnischen Krankheit.

00:22:15: Die Türken nannten sie die Krankheit der Christen und die Christen die Krankkeit der Türken.

00:22:22: Die Indersagden portugiesische Krankheit und der Rest von Europa britische Krankheiten.

00:22:30: Der endgültige Name stammt wohl von einem Lehrgedicht, von fifteenhundertdreißig mit der Überschrift Syphilis oder die französische Krankheit des italienischen Arztes und Dichter Girolamo fracostoro.

00:22:48: Er beschreibt darin wie der fiktive Hirte Syphillis den Sonnengott verspottet.

00:22:54: Das hätte er lieber unterlassen, denn dafür wird er mit einer furchtbaren Krankheit bestraft.

00:23:01: Und die Krankheit bekommt den Namen des Hirten!

00:23:05: Syphilis.

00:23:08: Nach dem ersten Jahrzehnten extremer Verläufe verlor die Syphillis im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts sichtbar Anheftigkeit.

00:23:17: zeitgenössische Beobachter stellen fest, dass schwere pusstolöse Hauterscheinungen seltener wurden und die Schmerzen weniger ausgeprägt waren.

00:23:29: Um fifteenhundert sechsundvierzig also etwa vierzig Jahre nach den ersten Fällen wurde bereits beschrieben das die Krankheit zwar weiterhin verbreitet war aber nicht mehr die zerstörerische Wucht der Anfangszeit besaß.

00:23:47: Man gewann den Eindruck, sie befinde sich im Rückzug und habe eine stabilere weniger aggressive Gestalt angenommen.

00:23:57: Viele Jahrhunderte später kennen wir das von Corona.

00:24:02: Immunologisch lässt sich dieser Wandel als ein allmähliches Austarieren zwischen Mensch- und Erreger verstehen!

00:24:10: Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen mit der Krankheit in Kontakt und entwickelten dabei eine gewisse Teilabwehr.

00:24:19: Diese schützte nicht zuverlässig vor einer erneuten Infektion, konnte aber die schwersten Symptome abschwächen und extreme Verläufe seltener machen.

00:24:30: Parallel dazu veränderte sich der Erreger selbst!

00:24:35: Varianten, die ihre Würte schnell schwer krank machten oder früh töteten, setzten sich langfristig schlechter durch.

00:24:45: Erfolgreicher waren jene Formen, die den Menschen länger leistungsfähig und gesellschaftlich eingebunden ließen – und sich dadurch unauffälliger weiterverbreiten konnten!

00:24:57: Immer schön nach dem Motto «Töte dein Wirt nicht», dann haben auch andere was davon….

00:25:05: So entstand Schritt für Schritt ein neues Gleichgewicht.

00:25:10: Diesophilis blieb bestehen, trat aber nicht mehr mit der zerstörerischen Intensität der frühen Jahre auf.

00:25:19: Dennoch herrschte in den ersten Jahrzehnten in der Medizin vor allem eines – Ratlosigkeit!

00:25:27: Ärzte griffen auf das zurück was ihnen vertraut war Auf Behandlungsformen, die aus der antiken Säftelehre stammten und mit der tatsächlichen Ursache der Krankheit nichts zu tun hatten.

00:25:41: Am häufigsten wurden Aderlässe- und Abführmittel eingesetzt um das vermeintliche Ungleichgewicht der Körpersäfte zu korrigieren.

00:25:53: Sichtbare Geschwüre versuchte man teilweise durch Ausbrennen oder Aufschneiden zu behandeln.

00:26:00: schmerzhafte Eingriffe, die den Zustand der Patienten oft eher verschlimmerten als besserten.

00:26:08: Besondere Bedeutung erlangte früh der Einsatz von Quecksilber – äußerlich als Salbe oder innerlich als Medikament verabreicht.

00:26:20: Das Gift galt als stark genug um das Übel aus dem Körper zu treiben und schadete dabei nicht selten den Patienten ebenso wie der Krankheit.

00:26:32: Als vermeintlich mildere Alternative wurde ein Sud aus Guayac-Holz, einem aus Amerika importierten Holz eingenommen – es galt als exotisches Heilmittel aus der neuen Welt und passte gut zur Vorstellung einer von dort stammenden Seuche.

00:26:53: Daneben existierten aufwendige Schwitzkuren, bei denen erkrankte in trockenen Öfen oder eigens gebauten Schwitzkammern stundenlang Hitze ausgesetzt wurden – in der Hoffnung die Krankheit auszuleiten.

00:27:08: Diese Verfahren waren bereits um fifteenhundert gebräuchlich und hielten sich über Generationen hinweg.

00:27:16: Da keine dieser Therapien zuverlässig wirkte wandten sich viele Betroffene schließlich an das, was wir heute als Volks- oder Alternativmedizin bezeichnen würden.

00:27:30: Salben, Pillen, Umschläge und invasive Eingriffe – Angeboten von gesellschaftlich randständigen Heilern und Quacksalbern die weniger Berührungsängste hatten als die akademisch ausgebildeten Ärzte!

00:27:47: Gemeinsam war all diesen frühen Therapieversuchen, daß sie das Leiden sichtbar machten aber nicht linderten sondern oft mehr Schaden anrichteten als nutzten.

00:28:02: Im achzebem Jahrhundert wird die Krankheit von Teilen der Bevölkerung nicht mehr so ernst genommen.

00:28:09: Atlige nennen die Krankkeit galante oder lustige Seuche.

00:28:14: Sie pflegen zu dieser Zeit einen durchaus promisken Lebenswandel mit Metressen und vielen Liebschaften.

00:28:23: Dadurch sollen am Hof von Versay etwa sieben von neun Ahtligen die Süffelis haben.

00:28:31: Das wirkt sich auch auf die Mode aus.

00:28:35: Große Kragen- und Handschuhe sollen die verräterischen Zeichen der Hautsüffeliss verbergen.

00:28:42: In den neunzenhundertdreißiger Jahren galt Syphilis in den USA als Volkskrankheit.

00:28:49: Man geht heute davon aus, dass etwa jeder zehnte Amerikaner im Laufe seines Lebens infiziert war – gleichzeitig kursierte eine Annahme die viel über die Denkweise jener Zeit verrät.

00:29:05: Weiße Amerikanern würden eher an Neurosyphilises erkranken Schwarze Amerikaner dagegen häufiger an Herzkreislaufkomplikationen.

00:29:15: Belege dafür gab es keine!

00:29:19: Statt die Hypothese zu prüfen, indem man behandelte und verglich, entschied man sich für einen anderen Weg.

00:29:36: Sie ist von Anfang an kein neutrales Beobachtungsprojekt, sondern ein gezieltes Nicht-Behandlungsexperiment.

00:30:04: Man spricht von Badblad, also Bösenblut.

00:30:11: Einem Sammelbegriff für alles Mögliche.

00:30:14: Man verspricht kostenlose Untersuchungen, Essen und die Übernahme der Beerdigungskosten.

00:30:22: Aber anstelle von Therapien erhalten viele Probanden Placebus – also unwirksame Zuckerpillen!

00:30:31: Selbst, als ab nineteenhundertsehnundvierzig Penicillin als sichere und wirksame Behandlung verfügbar ist wird ihnen der Wirkstoff bewusst vorenthalten.

00:30:44: Die Studie läuft vierzig Jahre.

00:30:47: die Männer werden krank sie erblinden verlieren ihre geistigen Fähigkeiten erleiden Schlaganfälle und sterben.

00:30:56: Frauen infizieren sich Kinder kommen mit angeborener Syphilis zur Welt.

00:31:03: Das alles geschieht nicht aus Unwissen, sondern aus einer Mischung aus Rassismus, medizinischer Arroganz und institutioneller Gleichgültigkeit.

00:31:16: Die Studie wird erst twohneunzehntsech beendet – nachdem ein Whistleblower die schockierenden Einzelheiten öffentlich macht!

00:31:27: Erheben überlebende Klage, aber erst nineteenhundertseinundneunzig mehr als sechzig Jahre nach Beginn der Studie entschuldigt sich ein US-Präsident offiziell.

00:31:42: Mehrere Betroffene überleben bis in die neunzehnhundertneunziger Jahre.

00:31:46: Ihre Aussagen dokumentieren den Ablauf und damit das ganze Ausmaß der vorsätzlichen Täuschung.

00:31:55: Sie berichten über den Moment, in dem sie erfuhren, dass man sie jahrzehntelang beobachtet hatte ohne helfen zu wollen.

00:32:05: Heute lebt keiner der Studienteilnehmer mehr – aber die Folgen sind geblieben!

00:32:11: Die Taskigi-Studie gilt bis heute als eines der gravierendsten ethischen Verbrechen der modernen Medizin und als Grund dafür Warum medizinische Forschung ohne informierte Einwilligung, Aufklärung und Kontrolle undenkbar ist?

00:32:32: Oder anders gesagt – das Problem der Taskigi-Studie war nicht syphilis.

00:32:39: Das Problem war dass man Menschen absichtlich krank ließ um eine falsche Annahme zu überprüfen.

00:32:48: Mit dem Auftreten von AIDS kam in den neunzehnhundertachtiger Jahren auch die Syffilis zurück.

00:32:56: HIV ruft natürlich keine Syffiliz hervor, begünstigt aber schwere und atypische Verläufe – insbesondere frühe Neurosyffilice.

00:33:08: Symptome treten schneller auf, verlaufen aggressiver und sind diagnostisch oft schwerer einzuordnen.

00:33:17: In vielen Ländern steigen die Fallzahlen deutlich an trotz verfügbarer Therapie.

00:33:24: Die alte Krankheit wird damit erneut aktuell und erinnert daran, dass Infektionskrankheiten nicht verschwinden sondern sich an neue Bedingungen anpassen.

00:33:38: Und jetzt wird es Zeit für eine Diagnose-Info!

00:33:47: Die Süffelis gehört zu den sexuell übertragbaren Krankheiten.

00:33:51: Manche sprechen auch von den vergifteten Pfeilen Amors oder den vinerischen Erkrankungen in Anlehnung an die Venus, Die Göttin der Liebe.

00:34:03: Der Auslöser ist ein korkenzieherförmiges Bakterium mit dem klangvollen Namen Treponema pallidum.

00:34:12: Es überlebt nur im feuchten Umgebung also besonders gut auf feuchte Schleimhäuten.

00:34:19: Daher wird es fast ausschließlich beim Geschlechtsverkehr übertragen, und zwar genital, oral und anal.

00:34:50: Hoffmann bringt frisches Material aus syphilitischen Hautläsionen mit ins Labor, Schaudin untersucht es mit einer damals noch wenig verbreiteten Technik.

00:35:02: Dem Dunkelfeld Mikroskop und dort sehen sie etwas das vorher niemand eindeutig gesehen hat.

00:35:11: Feine sich windende Fäden lebendig beweglich und unverkennbar eigenständige Organismen.

00:35:21: Chaudin und Hoffmann ziehen sofort die richtigen Schlüsse, und veröffentlichen den Befund.

00:35:28: Nach über vierhundert Jahren wird aus der französischen Krankheit – aus Schuld, Moral- und Stigma – plötzlich eine bakterielle Infektionskrankheit!

00:35:42: Der Weg zu Tests und Therapien ist geebnet….

00:35:47: Tragisch ist das Nachspiel.

00:35:49: Chaudin stirbt bereits neunzehntundert sechs, nur ein Jahr nach der Entdeckung mit vierunddreißig Jahren.

00:35:58: Den Durchbruch seiner Arbeit erlebt er kaum.

00:36:01: Hoffmann dagegen lebt lange und sieht wie aus dieser Beobachtung schließlich eine heilbare Krankheit wird.

00:36:11: Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg!

00:36:16: Unbehandelt verläuft die Syphilis typischerweise in mehreren Stadien, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte erstrecken können.

00:36:25: Und gerade das macht sie so türkisch!

00:36:29: Am Anfang steht das Primärstadium.

00:36:33: Etwa zwei bis sechs Wochen nach der Ansteckung entsteht an der Eintrittsstelle des Erregers ein hartes schmerzloses Geschwür der sogenannte harte Shankar.

00:36:46: Er sieht unappetitlich aus, tut aber meist nicht weh und heilt nach einiger Zeit von selbst ab.

00:36:55: Genau das führt häufig dazu, dass er unterschätzt oder gar nicht bemerkt wird.

00:37:02: Rund sechs Wochen später folgt bei vielen Betroffenen das Sekundärstadion.

00:37:08: Jetzt treten Grippe-ähnliche Beschwerden auf Dazu Hautausschläge ohne Jockreiz, Haustfall sowie mit Untergelenk oder Augenbeteiligungen.

00:37:20: Auch diese Symptome verschwinden meist nach einigen Wochen vollständig und ohne Narben – doch gerade dieses Stadium ist hoch infektiös.

00:37:33: Danach kann die Krankheit in einen Latenzstadion übergehen, das jahrelang oder sogar Jahrzehntelang anhält!

00:37:42: In dieser Phase fühlen sich die Betroffenen beschwerdefrei, bleiben jedoch lebenslang seropositiv.

00:37:50: Im ersten Jahr ist die Infektion meist noch ansteckend – danach in der Regel nicht mehr mit einer wichtigen Ausnahme.

00:38:00: Während der Schwangerschaft kann der Erreger weiterhin auf das ungeborene Kind übertragen werden.

00:38:08: Bei etwa einem Viertel bis einem Drittel der Unbehandelten erkrankten kommt es nach zehn bis dreißig Jahren zum Terzierstadion.

00:38:18: Dann zeigt sich die Krankheit als Organerkrankung.

00:38:23: Typisch sind sogenannte Gummen, weiche, tumorähnliche gutartige Wucherungen in Haut-, Knochen- oder inneren Organen.

00:38:35: Besonders gefährlich ist die Beteiligung des Herzkreislaufsystems etwa in Form von Aortenaussackungen oder Herzklappenschäden, die tödlich enden können.

00:38:47: Auch das zentrale Nervensystem kann betroffen sein.

00:38:51: Diese Neurosophilis verdient eine Sonderstellung, denn sie kann in jedem Stadium auftreten.

00:38:59: Früh äußert sie sich etwa durch Kopfschmerzen, Hirnhautentzündung und Ausfälle von Hirnnerven Sperrtform führen zu schweren neurologischen Schäden, Demenz-, Persönlichkeitsveränderungen, Größenwahn-, Gangstörung-, Gefühllosigkeit-, Reflexausfälle-, See- und Hörverlust-, Psychosen oder Schlaganfallähnlichen Bildern.

00:39:27: Wichtig ist dabei – nicht jeder Erkrankte durchläuft zwangsläufig alle Stadien!

00:39:34: Manche bleiben lange symptomlos, andere entwickeln schwere Spätfolgen.

00:39:40: Die Krankheit kann zudem angeboren sein durch Übertragung vor oder während der Geburt und sich dann unter anderem in charakteristischen Gesichtsveränderungen, neurologischen Störungen oder schweren Entwicklungsdefiziten

00:39:57: äußern.".

00:39:58: Gerade diese Unberechenbarkeit macht Syphilis zu einer der faszinierendsten und zugleich gefährlichsten Krankheiten der Medizingeschichte.

00:40:10: Syphillis verschwindet nie von selbst, sie wechselt nur die Maske.

00:40:17: Bei der Profilachse war man lange Zeit erstaunlich einfallsreich – und zug gleich bemerkenswert Wirklichkeitsfremd!

00:40:26: Am zuverlässigsten galt zunächst die gegenseitige Monogamie.

00:40:33: In der Theorie ein überzeugendes Konzept, in der Praxis eher eine Wunschvorstellung.

00:40:40: Wer sich darauf nicht verlassen wollte oder konnte, griff zu Maßnahmen, die aus heutiger Sicht eher nach Selbstkasteilung klingen.

00:40:51: Schmerzhafte des Infektionsrituals nach dem Geschlechtsverkehr mit fragwürdigen Nutzen und garantiertem Leidenszuwachs.

00:41:01: Erst allmählich setzte sich die Idee einer mechanischen Barriere durch.

00:41:07: Die frühen Kondome bestanden aus Fischblasen oder Tierdärmen, wiederverwendbar – wenig romantisch aber immerhin ein Fortschritt!

00:41:19: Ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kam Couchuk zum Einsatz.

00:41:24: Diese neuen Kondome waren robuster, dafür allerdings so dick, dass sie eher an technische Schutzkleidung erinnerten als ein Hilfsmittel für intime Momente.

00:41:39: Bemerkenswert ist jedoch weniger die Technik als der moralische Überbau.

00:41:45: In Deutschland war es bis in die neunzehntzwanziger Jahre verboten, für Kondomen zu

00:41:51: werben.".

00:41:52: nicht etwa aus medizinischen Gründen, sondern aus Sorge um die öffentliche Sittlichkeit.

00:41:59: Kondome galten als Instrumente der Unzucht und nicht etwa der Krankheitsverhütung.

00:42:07: Der gedankliche Spagat der Zeit sah vor – der Mann möge sich beim Verkehr mit der vermeintlichen Keimträgerin also der Prostituierten schützen um anschließend seine unschuldige Ehefrau nicht zu gefährden.

00:42:27: Aufklärung, Gleichberechtigung oder gar weibliche Selbstbestimmung spielten dabei keine Rolle.

00:42:35: So war die Profilachse der Syphilis lange weniger eine medizinische als eine moralische Übung mit klar verteilten Rollen viel Verdrängung und einem erstaunlichen Vertrauen darauf, dass Krankheiten sich an gesellschaftliche Konventionen halten würden.

00:42:58: Dennoch beginnt man früh nach Heilung zu suchen – und einer der bekanntesten Sprüche dieser Zeit bringt die Lage lakonisch auf den Punkt.

00:43:09: Eine Nacht mit Venus?

00:43:12: Ein Leben mit Merkur!

00:43:15: Gemeint ist Quecksilber das Mittel auf das Ärzte im sechzehnten Jahrhundert große Hoffnungen setzten.

00:43:22: Man reibt es ein, lässt es einatmen, verabreicht er als Salbe oder Trank und manchmal scheint es sogar zu wirken!

00:43:35: Die Beschwerden lassen nach die Geschwüre heilen ab – die Patienten fühlen sich besser.

00:43:42: Was man damals nicht wissen kann?

00:43:45: Die Krankheit verläuft in Schüben.

00:43:47: Phasen der Besserung gehören dazu.

00:43:50: Die Erleichterung wird der Therapie zugeschrieben – zu Unrecht!

00:43:57: Die Nebenwirkungen sind verheerend, schwere Vergiftung, offene Geschwüre im Mund, massiver Haarausfall, ein beißender Mundgeruch, Zahnverlust.

00:44:09: Viele Patienten verfallen körperlich rapide.

00:44:13: Nicht selten weiß man am Ende nicht einmal mehr, woran jemand gestorben ist.

00:44:19: An der Krankheit oder an dem was sie heilen sollte?

00:44:24: So wird Quecksilber über Jahrhunderte eingesetzt – weniger weil es hilft sondern weil es das Einzige ist dass man hat.

00:44:35: Ähnliches gilt für das vorhin schon erwähnte Goya-Kolz dessen Sud aber wenigstens keine Nebenwirkungen hervorruft.

00:44:45: Daneben entstehen sogenannte Blätternhäuser, sozusagen Therapieinstitute für siffeles Kranke und ab dem späten siebzehnten und vor allem im achtzenden Jahrhundert dann in vielen europäischen Krankenhäusern eigene Abteilung für die Betroffenen.

00:45:06: was nach medizinischem Fortschritt klingt war in Wirklichkeit vor allem ein Akt der Absonderung.

00:45:14: Menschen mit Syphilis galten längst als moralisch diskreditiert, als selbstverschuldet krank, als Gefahr für die Ordnung, als Patienten zweiter Klasse.

00:45:28: Entsprechend lagen diese Stationen meist in den abgelegensten und heruntergekommensten Bereichen der Krankenhäuser.

00:45:37: Die Sähle waren überfüllt schlecht belüftet, übel riechend – die Fenster vergittert.

00:45:44: Freigänge waren untersagt Besuche nicht erlaubt.

00:45:49: Die Behandlung ähnelte eher einem Haftregime als einer medizinischen Versorgung.

00:45:55: Es ging weniger um Heilung als darum, die Erkrankten aus dem öffentlichen Leben zu entfernen.

00:46:03: Besonders hart traf dieses Digmatisierung Frauen.

00:46:08: Ihnen wurde häufig pauschal unterstellt, sie seien prostituierte und hätten die Krankheit bewusst weiterverbreitet.

00:46:18: Ob das zutraff spielte kaum eine Rolle!

00:46:23: Syphilis war nicht nur eine medizinische Diagnose sondern ein moralisches Urteil und die eigentlichen Symptome traten oft hinter Schuldzuweisungen, Misstrauen und sozialer Ausgrenzung zurück.

00:47:03: der den Erreger trifft, ohne den Patienten zu zerstören.

00:47:09: Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Sakahiro Hata testet ehrlich hunderte chemischer Substanzen – die meisten sind wirkungslos oder zu giftig!

00:47:21: Dann kommt Verbindung Nummer sechshundertsechs also die sechshundertsexte Verbindung, die sie auf eine Wirkung hin überprüften Eine organische Aseenverbindung namens Ars Phänamin, später bekannt als Savasan.

00:47:40: Savasan heilt syphilis nicht immer und es ist kein harmloses Medikament – man muss es sehr bewusst und vorsichtig dosieren da es schwere Nebenwirkungen wie Lähmung und Tod auslösen kann.

00:47:56: aber es ist das erste Mittel dass den Erreger tatsächlich angreift.

00:48:02: Gegenüber Quecksilber ist das ein Quantensprung.

00:48:06: Scheint diese Krankheit behandelbar zu sein, aber es gibt auch skurrile Entwicklungen aus der Not geboren.

00:48:30: Man hat beobachtet, dass hohes Wiederkehren des Fieber den Verlauf der Erkrankung beeinflussen kann.

00:48:38: Der österreichische Psychiater Julius Wagner Jaurek macht sich diesen Effekt systematisch zu Nutze.

00:48:47: Patienten mit fortgeschrittener Neurosophilis werden absichtlich mit Malaria infiziert um starke Fieberschübe auszulösen.

00:48:57: Das Fieber schädigt den hitzeempfindlichen Süffeliserreger im zentralen Narfensystem.

00:49:03: In vielen Fällen kommt es tatsächlich zu einer deutlichen Besserung von Lähmungen, psychischen Symptomen und kognitiven Verfalle.

00:49:14: Nach mehreren Fiebergzügeln wird die Malaria anschließend mit Chinin behandelt.

00:49:20: Die Therapie ist riskant und fordert auch Todesopfer, doch sie ist die erste wirksame Behandlung der bis dahin fast immer tödlich verlaufender Neurosyphilis und gilt als medizinischer Durchbruch.

00:49:36: Wir erinnern uns an El Capon – auch er wurde mit Malaria angesteckt!

00:49:43: Der Entdecker dieser Therapie Wagner Jaurek erhält dafür sogar den Nobelpreis.

00:49:51: Schließlich verliert diese drastische Medizin mit der Einführung des Penicillins ihre Bedeutung.

00:49:59: Nach dem Zweiten Weltkrieg steht plötzlich ein Mittel zur Verfügung, das gezielt wirkt ohne Einreibungen, ohne Vergiftungen und ohne Fieberexzesse – zwei Wochen Antibiotika-Therapie reichen im besten Fall aus um den Erreger vollständig zu beseitigen!

00:50:20: Zum ersten Mal seit Jahrhunderten ist Heilung kein Glücksspiel mehr, sondern eine realistische Aussicht.

00:50:29: Wie es überhaupt dazu kam, dass ein unscheinbarer Schimmelpilz die Medizin revolutionierte, erzähle ich ausführlich.

00:50:38: in Folge sechzehn – der tödliche Pilz!

00:50:42: Doch nicht alle Menschen honorieren die Segnungen der frühen Antibiose.

00:50:47: Manch einer sehnt sich nach der Krankheit und deren Zuschreibung von Genialität und Kreativität.

00:50:55: Und manch einer kokettiert sogar mit einer absichtlichen Ansteckung!

00:51:01: Schon im neunzehnten Jahrhundert gab es ähnliche Fantasien rund um die Tuberkulose, fruchtbar empfunden.

00:51:20: Natürlich verlor man dabei Lebenszeit, aber man glaubte diese Zeit intensiver zu erleben – Konzentrierter, abgesondert von Alltag und Erwartungen!

00:51:33: Thomas Mann greift dieses Denken Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts auf und übersetzt es in Dr.

00:51:40: Faustus.

00:51:45: Sein Protagonist, Adrian Leverkühn, wählt hiermit der Syphilis eine Krankheit die lange kaum spürbar bleibt und erst später zerstört.

00:51:57: Er erlebt tatsächlich eine kurze Phase der Genialität – bezahlt aber mit späterem geistigen Verfall!

00:52:06: Der Pakt mit dem Teufel bringt ihn um.

00:52:11: Heute ist Syphillis alles andere als selten.

00:52:15: Weltweit schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass sich rund acht Millionen Menschen pro Jahr neu mit Syphilis infizieren.

00:52:26: Jedes Jahr – allein bei Erwachsenen zwischen fünfzehn und neunundvierzig Jahren.

00:52:34: In Deutschland meldete das Robert-Koch-Institut zuletzt knapp neuntausendfünfhundert Neuerkrankungen in einem Jahr.

00:52:43: Das sind so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

00:52:47: Diese Zahlen wirken abstrakt, Millionen pro Jahr tausende allein hierzulande.

00:52:54: Statistiken, Kurven- und Meldezahlen sind wichtig – sie zeigen dass diese Krankheit keine historische Randnotiz ist sondern eine hochaktuelle Infektionskrankheit!

00:53:08: Doch Zahlen sind nur ein Teil der Geschichte.

00:53:12: Am Ende sind es immer Menschen, die einem Phänomen oder wie hier einer Krankheit ein Gesicht verleihen.

00:53:21: Da ist der Gangster, der einst eine Stadt beherrschte und am Ende seiner eigenen Gedanken nicht mehr festhalten konnte – oder einen Schriftsteller dessen Sprache sich zuerst verfeinerte und dann zerfiel!

00:53:37: Aber auch eine Sängerin, die auf der Bühne gefeiert wurde Nur nicht merkte, warum?

00:53:44: Ein Philosoph!

00:53:46: Komponisten.

00:53:47: Ein Maler.

00:53:49: Vielleicht sogar ein König.

00:53:51: Alle gefangen in dem selben Muster aus Glanz, Verfall und Verstummen.

00:53:58: Was sie verbindet ist Nicht-Ruhm, Nicht-Talent, Nichtschuld oder Moral.

00:54:06: Es ist die Erfahrung, dass der Verstand kein sicherer Ort ist dass er angegriffen werden kann, langsam und unmerklich Jahre bevor jemand versteht was geschieht.

00:54:22: Die Namen ändern sich die Zeiten auch – die Schicksale gleichen sich.

00:54:29: So unterschiedlich die Verläufe sind Sie sind doch verwoben zu einer einzigen Geschichte der Medizin.

00:54:41: Das war Geschichten der Medizin Wo Vergangenheit, Forschung und menschliche Schicksale aufeinandertreffen.

00:54:52: Ob weltbewegend oder ganz persönlich – die nächste Geschichte wartet schon!

00:54:59: Bis dahin bleibt gesund.

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