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#028 Contergan

Shownotes

In dieser Folge: 1961 kommt ein Medikament auf den Markt, beworben als sicher und gut verträglich. Es wird verschrieben, gekauft, eingenommen – auch von Schwangeren. Zur gleichen Zeit beginnt ein Hamburger Arzt, eine ungewöhnliche Häufung schwerer Fehlbildungen bei Neugeborenen zu beobachten.

Diese Folge zeichnet nach, wie sich aus einzelnen Beobachtungen ein Verdacht formt, wie Hinweise gesammelt, diskutiert und abgewehrt werden – und wie sich schließlich der Zusammenhang zwischen Contergan und den Schäden offenbart.

Sie blickt zugleich auf die heutige Verwendung des Wirkstoffs in der Lepra- und Krebstherapie und versucht eine Einordnung der langfristigen Konsequenzen, die eine einzige Tablette für die Betroffenen hatte.

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Transkript anzeigen

00:00:01: Das Thema der heutigen Folge geht auf einen Vorschlag von Petra zurück.

00:00:06: Vielen Dank dafür!

00:00:09: In dieser Folge geht es um Contagarn und Menschen, die durch ein Medikament mit schweren körperlichen Einschränkungen auf die Welt kamen.

00:00:18: Man kann sich dem Thema nur annähern – ihm aber auch in diesem ausführlichen Podcast-Format nicht in Gänze gerecht werden….

00:00:27: das ist nicht möglich Aber die Alternative wäre, das Thema nach und nach zu vergessen.

00:00:34: Denn die Menschen, die es betrifft gehören zu den Babyboomern – und werden naturgemäß immer weniger!

00:00:42: In den Sechzigerjahren hatte man körperliche Einschränkungen anders beurteilt als heute.

00:00:48: Dementsprechend war auch die Sprache in diesem Zusammenhang eine ganz andere.

00:00:53: Da sind Begrifflichkeiten wie missgebildete Kinder oder lebensunfähig üblich gewesen.

00:01:01: Und vielen Eltern dieser in Anführungszeichen misgebildeten Kinder wurde tatsächlich abgesprochen, ihre Kinder zu lieben und aufzuziehen.

00:01:12: Ihnen wurde quasi empfohlen sie abzugeben und durch zukünftige gesunde Kinder zu ersetzen.

00:01:20: Bitte habt das vor Augen, wenn ich manchmal die authentische damalige Sprache verwende um deutlich

00:01:26: zu machen

00:01:27: mit welchen unglaublichen Schwierigkeiten die Betroffenen damals und heute zu kämpfen hatten – und haben.

00:01:37: Wir reisen zurück in das Jahr nineteenhundertsechzig!

00:01:41: Und ja?

00:01:42: In diesem Jahr bin ich schon da noch nicht auf der Welt aber gut aufgehoben im Bauch meiner

00:01:49: Mutter.".

00:01:50: Jahrzehnte später erzählte sie mir davon, dass sie in dieser Schwangerschaft schlecht schlief.

00:01:56: Dass der Arzt ihr ein Schlafmittel verschrieb und das sie es nahm.

00:02:02: Man tat was der Arz sagte – man tat was auf der Packung stand!

00:02:07: Und außerdem war es auf jedem Werbeplakat zu lesen.

00:02:12: Vollkommen ungiftig sogar für Babys und Greise… dann musste es ja ungefährlich

00:02:18: sein.".

00:02:19: Niemand machte sich Sorgen.

00:02:22: Acht Monate später wurde ich gesund geboren, aber nicht alle hatten so viel Glück wie ich.

00:02:28: Genau zur gleichen Zeit wurden in der ganzen Bundesrepublik Kinder geboren – denen ganze Extremitäten oder Teile davon fehlten.

00:02:38: Die entsetzten Eltern wurden mit Beschwichtigungen in eine ungewisse Zukunft nach Hause geschickt ….

00:02:44: Oder mit dem Satz Vergessen Sie es einfach!

00:02:47: Machen sie sich ein

00:02:48: neues!".

00:03:03: Willkommen

00:03:04: zu Geschichten der Medizin, dem Podcast über medizinische

00:03:09: Schicksale,

00:03:11: historische Wendepunkte und spektakuläre Fälle.

00:03:17: Ich bin Kerstin – Ärztin und Erzählerin.

00:03:23: Lasst uns gemeinsam auf

00:03:24: eine Reise gehen durch Seuchen, Entdeckungen und dramatische Diagnosen mal weltbewegend, mal ganz persönlich

00:03:34: immer medizinisch Immer

00:03:37: spannend.

00:03:44: Kontagarn, das Böse Erwachen.

00:03:54: In den jahren, neunzehnhundertneinundfünfzig und neunzenhundertsechzig häufen sich in der damaligen Bundesrepublik Deutschland die Meldungen.

00:04:03: Hausärzte und Kinderärzte berichten von ungewöhnlichen Fehlbildungen.

00:04:08: Es werden viele Kinder mit Fokumillie geboren.

00:04:11: Bei der Fokomilie sind die Hände oder Füße direkt am Rumpf angewachsen Aber es kommen auch verkürzte oder fehlende Gliedmaßen vor, allerdings ist das nicht alles.

00:04:24: Auch die Todgeburten nehmen

00:04:26: zu.".

00:04:27: All das wird zunächst als Zufall abgetan – nicht nur aus Ignoranz sondern auch weil es gar keine verlässlichen Zahlen gibt!

00:04:38: Nach den Gräueltaten des Dritten Reiches hat die BRD bewusst auf eine Meldepflicht für Fehlbildungen verzichtet.

00:04:46: Man wollte keine staatlichen Register mehr über Erbkranken Nachwuchs führen.

00:04:52: Doch genau dieses Fehlend von Daten lässt das Problem nun lange unter der Oberfläche schwehlen.

00:04:59: Aber die Häufungen fallen schon auf!

00:05:02: So werden in der ehemaligen Hamburger Frauentlinik Finkenau zwischen Januar und April

00:05:08: nineteenhundertsechzig

00:05:10: neunundzwanzig Kinder mit Fehlbildung der Gliedmaßen geboren.

00:05:15: Man sucht die Schuld überall.

00:05:17: Sind es die sowjetischen Atom-Tests in der Atmosphäre, neue Chemikalien im Waschmittel, Gift in der Nahrung?

00:05:27: Teile der damaligen Humangenetik vertreten auch von Wissenschaftlern mit NSDAP Vergangenheit, erklären die Fehlbildungen zum genetischen Problem und weisen den Medikamentenverdacht

00:05:41: zurück.".

00:05:43: und der Moraltheologe Franz Büchner, den man fast ehrfürchtig den Heiligen Franz nennt, beschuldigt die Mütter.

00:05:52: Ihre ungesunde Ernährung und ihr Verhalten hätten diese Missbildung

00:05:56: provoziert.".

00:05:58: So denkt zunächst niemand an ein Medikament – auch nicht als in England von ersten Nervenschädigungen durch einen Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid berichtet wird!

00:06:10: Ein Artikel im British Medical Journal bleibt ohne Bezug und ohne Konsequenzen.

00:06:18: Das Mittel bleibt auf dem Markt, wird besonders gerne Schwangerin

00:06:22: verschrieben.".

00:06:24: Auch in der BRD verdächtigt niemand ein Medikament – bis ein Kinderarzt aufmerksam wird!

00:06:32: Es ist nicht irgendein Kinderarst, sondern der forty-two jährige Widukind Lenz, Oberarzt an der Universitätskinderklinik Hamburg-Eppendorf Mit Schwerpunktumangenetik und da

00:06:45: explizit

00:06:47: Missbildung bei Kindern.

00:06:50: Widokind Lenz selbst wirkt unscheinbar, er ist ruhig, freundlich und wissbegierig – nach einem Einzerabitur folgen das Medizinstudium und eine Promotion mit Bestnote.

00:07:04: Er spricht mehrere Sprachen, malt, schreibt Gedichte und veranstaltet Mäuse-Rennen für seine Kinder auf der Terrasse.

00:07:13: Mein Mann war nur ein kleiner Doktor, den keiner kannte", sagt seine Frau.

00:07:19: Das allerdings soll sich ändern!

00:07:23: Im Juni onehundzeinundsechzig kommt ein Ehepaar mit einem schwer geschädigten Kind in die Hamburger Uniklinik.

00:07:32: Die Eltern haben nur eine Frage Warum?

00:07:36: Und werden an Lenz verwiesen.

00:07:38: Der Humangenetiker denkt reflexartig an eine genetische Ursache.

00:07:43: Aber dann erzählt der Vater etwas, das Hängen bleibt!

00:07:48: In seinem Heimatort Menden gebe es weitere Kinder mit ähnlichen Vielbildungen.

00:07:54: Von diesem Moment an lässt es Lenz nicht mehr los – er telefoniert, fragt nach, knüpft Kontakte zu Ärzten und Wissenschaftlern.

00:08:03: Abends erzählt seine Frau Almut später Diskutieren Sie selbst im Bett noch darüber, was diese Schädigungen verursacht haben könnte.

00:08:13: Die Suche wird obsessiv – beinahe kriminalistisch!

00:08:18: Und dann kommt Ihnen eine Institution zur Hilfe die schon gar nicht mehr existiert.

00:08:24: Sie trug den schrecklichen Namen Hamburger Krüppelfürsorge.

00:08:31: war eine staatliche und kommunale Einrichtung, die sich von achtzehntundfünfzig bis neunzehntenfünftig um Kinder- und Jugendliche mit schweren körperlichen Behinderungen kümmerte.

00:08:44: Sie organisierte ärztliche Behandlung, orthopedische Hilfsmittel, Schulunterricht – und später auch Ausbildungsplätze.

00:08:53: Ziel war es diese Kinder so weit zu fördern, dass sie ein möglichst selbständiges Leben führen und wenn es ging später arbeiten konnten.

00:09:03: Was heute auf viele Stellen verteilt ist, war damals in einer einzigen Institution gebündelt und diese Institution dokumentierte alle Fälle von Missbildungen.

00:09:17: LENS kann also auf Zahlen der letzten hundert Jahre zurückgreifen und vergleichen.

00:09:24: Dadurch wird schnell klar dass eine außergewöhnliche Häufung von Fehlbildungen vorliegt.

00:09:31: Anfang November nineteenhundertsechzig berichten mehrere Mütter unabhängig voneinander, in der Schwangerschaft ein Schlafmittel genommen zu haben.

00:09:42: Lenz beginnt gezielt nachzufragen.

00:09:46: Welche Medikamente haben Sie genommen?

00:09:48: Haben sie noch eine Hausapotheke?

00:09:51: Dürfen wir die Nachtschublade sehen?

00:09:54: Er ermittelt nicht wie ein distanzierter Wissenschaftler sondern wie ein Staatsanwalt, sagt später einen Kollege Und Lenz' Behaarlichkeit zahlt sich aus.

00:10:06: Er deckt ein Muster auf und dieses Muster hat einen Namen, Contagarn – Ein Sedativum der Firma Chemie Grünental.

00:10:18: Am fünften November nineteenhundertsechzig informiert Lenz den Forschungsleiter von Chemie Grüntal Heinrich Mückter.

00:10:27: Er fordert, alle talidumithaltigen Präparate sofort aus dem Handel zu nehmen.

00:10:33: Einen Tag später schickt er ein Einschreiben – juristisch vorsichtig, inhaltlich eindeutig!

00:10:41: Für Lenz zählt jede Stunde, jeder weitere Tag des Schweigens kann neue Opfer bedeuten.

00:10:48: Am neunzehnten November tritt er vor die Vereinigung Rheinisch-Westfälischer Kinderärzte.

00:10:54: Er spricht offen über seinen Verdacht ohne den Namen kontagant zu nennen.

00:11:00: Natürlich kann er keine wissenschaftlich haltbaren Daten vorweisen, aber abwarten ist für ihn keine Option.

00:11:08: Als Mensch und Staatsbürger kann ich es nicht verantworten meine Beobachtungen zu verschweigen", sagt er.

00:11:16: Der Konzern geht zum Gegenangriff über.

00:11:19: Vertreter von Chemie-Grünntal erscheinen, werfen ihm Rufmord vor und drohen mit Klagen!

00:11:27: Man versucht Lenz muntot zu machen, nutzt sogar die NS-Vergangenheit seines Vaters gegen ihn.

00:11:34: Auch Fachkollegen attackieren ihn – er sei unwissenschaftlich und habe sich die Rolle des Erstentdeckers erschlichen!

00:11:42: Denn parallel zu Lenz bestätigt

00:11:45: auch

00:11:45: der australische Arzt William McBride einen Zusammenhang zwischen der Zunahme von Fehlbildungen bei Neugeborenen und der Einnahme von Kontergan in der Schwangerschaft, geht aber später an die Öffentlichkeit.

00:12:01: Doch die Kettenreaktion ist nicht mehr aufzuhalten – aber dazu später mehr, denn zunächst stellt sich die Frage, auf welchem fruchtbaren Boden der Konterganskandal wachsen konnte?

00:12:15: Wie war es möglich, dass ein schwertheratogenes also das ungeborene Kind schädigendes Präparat in den Handel kommen konnte.

00:12:27: Ende der Fünfzigerjahre stecken die Menschen in der BRD mitten im Wirtschaftswunder.

00:12:33: Die Teller füllen sich und das Land boomt – alles scheint möglich!

00:12:39: Die Bundesrepublik verfügt über die drittgrößte Pharmaindustrie der Welt, aber die Behörden und die Legislative verschlafen die rasante Entwicklung.

00:12:50: Es gibt kein Arzneimittelgesetz und damit kaum Regularien.

00:12:56: Allerdings ist es durchaus schon bekannt, dass Medikamente die Plazentarschranke passieren können – also von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden können.

00:13:09: Aber danach fragt niemand.

00:13:12: So lange bis das Ausmaß der Katastrophe sichtbar wird!

00:13:17: Schätzungsweise waren weltweit in über vierzig Ländern ca.

00:13:20: zehn bis zwölf tausend Kinder betroffen, davon alleine vier bis fünftausend in der Bundesrepublik.

00:13:29: Wir erinnern uns – nicht nur die Wirtschaft boomte, sondern es war auch die Zeit der Babyboomer!

00:13:37: Übrigens wurde Talidomit in der DDR nicht zugelassen.

00:13:42: So kam es dort nur zu vereinzelten Fällen durch private Mitbringsel, Paketsendungen aus dem Westen und andere in offizielle Wege.

00:13:52: In Österreich und der Schweiz geht man von einer niedrigen zweistelligen Zahl aus.

00:13:57: Im Gegensatz zur BRD gibt es in den USA zu dieser Zeit schon eine Arzneimittelbehörde – die Food and Drug Administration FDA.

00:14:09: Hier bekommt die Pharmakologin Francis Oldham Kelsey einen Routinevorgang auf den Schreibtisch Die Zulassung eines hervorragend verträglichen Schlafmittels.

00:14:21: Es

00:14:21: habe keinerlei Nebenwirkungen!

00:14:24: Man erwartet von ihr nicht mehr und nicht weniger, als die Zulassung durchzuwinken.

00:14:30: Zumal das Präparat vom amerikanischen Vertreiber schon an unzählige Arztpraxen verteilt wurde –

00:14:37: zur Erprobung,

00:14:38: wie man sagt.

00:14:40: In Wirklichkeit wollte die Firma Tatsachen schaffen.

00:14:44: Dieser Feldversuch endet mit mindestens neunzehn geschädigten Kindern, aber das kommt natürlich erst später heraus.

00:14:54: Eine größere Katastrophe wird nur dadurch verhindert – dass Oldham Kelsey gegen den Druck vieler Lobbyisten die Talidumiezulassung in den USA verhindern, weil ihr die Faktenlage zu dünn erscheint.

00:15:09: Sie fordert die amerikanische Vertriebsfirma auf,

00:15:12: Tests

00:15:13: durchzuführen!

00:15:15: Aber die Firma weigert sich nicht nur, dieser Forderung nachzukommen.

00:15:19: Sie stellt sage und schreibe sechsmal einen Antrag auf Zulassung.

00:15:26: Erst twohundzechzig gibt das Pharmaunternehmen auf.

00:15:31: Nachdem Kontergarn in der BRD schon nicht mehr auf dem Markt

00:15:35: ist.

00:15:36: Aber damit ist das Problem nicht beseitigt – es gibt zwar keine Zulassungen!

00:15:42: Aber es sind zweieinhalb Millionen Tabletten in Umlauf.

00:15:47: In Arztpraxen und häuslichen Apothekerschränkchen.

00:15:52: Bezeichnenderweise ist es nicht der Vertreiber, sondern der Staat, der in einer beispiellosen Rückholaktion das Präparat aus der Öffentlichkeit entfernt – und damit Schlimmeres verhindert.

00:16:05: Francis Oldham Kelsey wird übrigens für ihr mutiges Eintreten mehrfach ausgezeichnet unter anderem auch von Präsident Kennedy.

00:16:17: Bevor wir nun schauen, wie es hier bei uns weitergegangen ist, möchte ich euch erst einmal das Objekt des Skandals näher bringen.

00:16:26: Was isst Contagarn eigentlich?

00:16:30: Die Geburtsstunde von Talidomit – dem Wirkstoff von Contagern – ist ein medizinisches Missverständnis.

00:16:39: Die Forscher bei Chemie Grünental suchen Mitte der neunzenhundertfünfziger Jahre nämlich nach einem neuen Antikonvulsivum, also einen Medikament gegen Epilepsie, das die gefährlichen Barbiturate ablösen soll.

00:16:56: Als die Chemiker von Grünental-Talidomete jedoch an Mäuse testen,

00:17:01: passiert ...

00:17:03: nichts!

00:17:05: Und wenn ich Nichts sage?

00:17:08: Dann meine ich das wörtlich... Die Mäuser werden nicht von Kampfanfällen verschont Aber es passiert auch sonst nichts.

00:17:17: Normalerweise ist das der Moment, in dem ein Wirkstoff in der Tonne landet.

00:17:23: Wenn eine Substanz im Tierversuch weder eine Wirkung noch eine Nebenwirkung zeigt, isst sie für die Pharmakologie wertlos.

00:17:33: Doch bei Chemie-Grünental zieht man einen völlig anderen Schluss!

00:17:38: Man sagt sich – wenn einem Maus selbst

00:17:42: bei gigantischen

00:17:43: Dosen nicht stirbt und keine Vergiftungserscheinungen zeigt.

00:17:48: Dann ist das Mittel eben vollkommen ungiftig!

00:17:52: Man ist so überzeugt von der Hahnlosigkeit dieses Moleküls, dass man beschließt den Schritt zum Menschen zu wagen – ohne eine einzige wissenschaftliche Bestätigung für eine therapeutische Wirkung.

00:18:08: Es gibt also keine Studien.

00:18:10: Es ist eher ein blindes Verteil nach dem Motto Mal sehen, was passiert.

00:18:16: Man gibt den Wirkstoff an Mitarbeiter der Firma und an ausgewählte Ärzte weiter.

00:18:22: Und erst hier in diesem völlig unkontrollierten Ausprobieren am Menschen kommt der Zufallsbefund!

00:18:31: Die Patienten berichten,

00:18:33: dass sie nach der Einnahme wunderbar einschlafen.

00:18:38: Es zeigt sich also erst am menschlichen Organismus überhaupt irgendeine Wirkung.

00:18:44: Thalidomid verstärkt im menschlichen Gehirn die Wirkung von GABA, dem körpereigenen Botenstoff der unsere Nerven zur Ruhe bringt.

00:18:54: Es wirkt wie eine chemische Bremse, die das Gehirnen in den Stand-by Modus schickt!

00:19:01: Und damit die Entwicklungsarbeit nicht umsonst war wird Thalidomie einfach Umgewitt mit.

00:19:08: Ab jetzt ist es kein Mittel gegen Krampfanfälle mehr sondern ein Schlafmittel.

00:19:14: Und weil man im Tierversuch gesehen hat, dass es das Atemzentrum nicht lähmt, feiert man es als das erste selbstmordsichere Schlafmittel der Welt.

00:19:27: Man wirft also ein Medikament auf den Markt?

00:19:30: Das im Labor keine nachweisbare therapeutische Wirkung zeigt?

00:19:35: Dessen beruhigende Wirkung man nur durch anecdotisches Hörnsagen kennt und dessen Sicherheit Man allein daraus ableitet, dass Mäuse und wenige Probanden davon nicht tot umgefallen sind.

00:19:51: Es ist eine medizinische Geisterfahrt die am ersten Oktober nineteenhundertseinundfünfzig mit der Zulassung beginnt ohne das jemals ein Forscher untersucht hätte was diese chemische Bremse mit dem Zellwachstum eines Embryos macht!

00:20:11: und da das Präparat ja als so harmlos eingestuft wird, wird es als rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel geradezu als Wundermittel beworben und verkauft.

00:20:24: Es mache nicht

00:20:25: süchtig!

00:20:26: Und sei nicht akut toxisch.

00:20:29: Das Pharmaunternehmen Chemie Grünntal produziert zeitweise täglich eine Million Tabletten – und verkauft sie in forty-seven

00:20:38: Länder.".

00:20:40: Kontagarn ist preiswert.

00:20:43: Eine Packung kostet nur wenige D-Mark, es ist ein Alltagsmedikament mit geringer Hemmschwelle – so gering dass es vor allem jungen Eltern empfohlen wird!

00:20:56: Nach dem Motto «Kontagarn nehmen», «Einschlafen», «Nachts das Kind versorgen» und problemlos wieder einschlaven… Das klingt alles so unkompliziert... Das neue Wundermittel wird als völlig ungiftig beworben.

00:21:13: Ob Chemie-Grünental-Kontagahn allerdings aktiv, als Medikament für Schwangere – also zum Beispiel gegen Schwangerschaftsübelkeit beworben hat – ist nicht abschließend geklärt.

00:21:27: Während Chemie Grünental bestreitet, Kontagan jemals ausdrücklich für Schwangers empfohlen zu haben, halten Kritiker dagegen dass das Medikament als völlig harmlos beworben wurde.

00:21:40: Ohne jeden Warnhinweis!

00:21:43: So ein Medikamt richte sich faktisch also auch an Schwangere, ob sie genannt werden oder nicht.

00:21:52: Contagarn gilt als Allheilmittel.

00:21:56: Auf den Indikationslisten steht ein Begriff

00:21:59: der heute fast aus den Lehrbüchern

00:22:01: verschwunden ist – damals aber als Volkskrankheit gilt Die vegetative Dystonie.

00:22:09: Wenn ich das für euch heute übersetzen müsste, würde ich sagen Es ist die Diagnose für den schwachen Kreislauf oder den nervösen Kreislauf.

00:22:20: Man muss sich das so vorstellen.

00:22:22: Das war der medizinische Sammelbegriff für alles was heute unter Stresssymptome oder psychosomatisch Beschwerden fallen würde.

00:22:32: Wer sich unruhig fühlte, wer es ein Herz manchmal stolperte wer unter Schweißausbrüchen oder eben diesem typischen Schwindelgefühl litt, das man damals als Schwachenkreislauf bezeichnete.

00:22:45: Dem wurde gesagt – Sie haben eine vegetative Dystonie!

00:22:49: Hier nehmen sie Konterganen.

00:22:52: Das beruhigt die Nerven.

00:22:55: Indem man das Medikament für so etwas Diffuses wie einen schwachen Kreislauf empfahl, öffnete man die Schleusen für den

00:23:03: Massenmarkt.".

00:23:05: Es war plötzlich nicht mehr nur ein Mittel für Schwerstkranke, wie ursprünglich vorgesehen – sondern ein Lifestyle-Präparat für die gestresste Hausfrau, den überarbeiteten Manager und eben auch für die werdende Mutter, deren Kreislauf in der Frühschwangerschaft verständlicherweise achterbahnfuhr.

00:23:25: Man behandelte normale körperliche Reaktionen mit einer hochwirksamen Chemikalie von der man eigentlich nur wusste dass sie eine Maus nicht umbringt.

00:23:38: Aber man findet noch mehr Indikationen.

00:23:41: Dazu gehören die Überwindung des Schlafmittelabusos oder auch das nächtliche Einnessen bei Kleinkindern, zwei bis drei Teelöffel Kontergansaft und die Bettwäsche bleibt trocken – so verspricht man!

00:23:57: Was bei Kleinkindern hilft wirkt natürlich auch bei alten Leuten nimmt man zumindest an.

00:24:05: Also landet auch die Zerebralsklorose auf dem Beipackzettel.

00:24:09: Wenn der Opa ein bisschen tütelig wird, da hätten wir doch etwas!

00:24:14: Aber auch wenn Kinder nachts schlecht träumen oder einen Monster unter den Bett vermuten – auch dann wird Kontagarnsaft empfohlen.

00:24:24: Genauso wie bei Manhöre und Staunen,

00:24:28: Angst

00:24:29: und Kontaktschwäche

00:24:30: bei Erwachsenen.

00:24:33: Und zuletzt dürfen natürlich auch nicht die klimakterischen Beschwerden fehlen, als ob die Menopause einer Dämpfung des zentralen Nervensystems bedürfe.

00:24:45: Und

00:24:45: damit kommen wir zu der fatalsten Indikation!

00:24:49: Viele Ärzte verschreiben kontagal gegen Schwangerschaftsübelkeit – und wir alle wissen, dass sie besonders am Anfang einer Schwangersschaft auftritt….

00:25:00: Ninzehundertsechzig wird Kontergahn auch bei Hunderten von verhaltensauffälligen Säuglingen und tuberkulose kranken Kindern eingesetzt.

00:25:10: Ob Schädigungen auftreten, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.

00:25:16: Allerdings werden nineteenhunderteinundsechszig Hinweise auf Polyneuropathien – also Schädigung der kleinen Nervenbahnenpublik.

00:25:25: Unter anderem berichtet auch der Spiegel.

00:25:29: Daher wird Kontern ab Ersten August Rezeptpflichtig.

00:25:35: Nur drei Monate später informierte Hamburger Kinderarzt Widokind Lenz die Konzernleitung von Chemie Grünental über seinen Verdacht, als Grünantal weder Vorsicht noch Einsicht zeigt sondern auf Konfrontationskurs geht schreibt Lenz eine anonyme Warnung an die Welt.

00:25:55: am Sonntag Am XXV November erscheint ein Artikel mit Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Contagarn und schweren Fehlbildungen.

00:26:08: Der Text trägt keinen Namen, erst später wird klar wer dahinter steht – wie du Kind Lenz bestätigt in späteren Jahren das er der Ohrheber dieser anonymen Warnung war.

00:26:22: Einen Tag danach nimmt Chemie Grünntal-Contagarn vom Markt!

00:26:28: Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten betroffenen Kinder allerdings bereits gezeugt oder geboren.

00:26:37: Am siebundzwanzigsten November nineteenhundertsechzig ist in Deutschland also offiziell Schluss.

00:26:44: Contagarn wird aus den Apotheken verbannt, aber das ist leider nicht das Ende der Geschichte – sondern nur der Anfang eines neuen ebenso düsteren Kapitels!

00:26:57: In den Lagern der Hersteller liegen nämlich noch Millionen von Tabletten, ein riesiger finanzieller Verlust, den man offenbar nicht einfach abschreiben will.

00:27:08: Die Strategie ist so simpel wie erschreckend!

00:27:12: Man deklariert die Pillen als sogenannte Schittware und schickt sie per Schiff nach Lateinamerika allen voran nach Brasilien Aber auch nach Spanien, weil die Arzneimittelüberprüfung in diesen Ländern nicht so streng und die Nebenwirkungen größtenteils unbekannt sind.

00:27:32: Dort verschwinden sie in neuen Packungen oft unter dem Namen Softenone – und werden weiterverkauft.

00:27:41: Wird man hierzulande also weiß welche Katastrophe das Mittel auslöste?

00:27:46: Landen die deutschen Restbestände in Brasilien erst mit monatelanger Verzögerung in den Haushalten.

00:27:54: Oft werden die ausländischen

00:27:56: Partner nicht oder nur sehr zögerlich über die in Deutschland

00:28:00: bereits bekannten

00:28:01: Gefahren informiert.

00:28:04: Das dortige Verbot kommt erst im August, twohundzechzig.

00:28:10: Viel zu spät für die Kinder, die in dieser Zeit noch geschädigt werden.

00:28:16: Das kollektive Versagen wird unter den Tisch gekehrt.

00:28:20: Die Politiker schweigen oder berufen sich auf Einzelfälle, die betroffenen Eltern bleiben ungehört, die Kinder auf ihre fehlenden Bliedmaßen reduziert und ausgegrenzt.

00:28:34: Dabei sind die Schädigungen viel weitreichender!

00:28:39: Es ist wichtig dass wir verstehen was Talidumit im Körper anrichtet.

00:28:45: Eine einzige Tablette reicht aus.

00:28:48: Entscheidend ist der Zeitpunkt.

00:28:51: Nur wer das Mittel zwischen dem thirty- vierten und fünfzigsten Tag nach der letzten Menstruation einnimmt, ist betroffen.

00:29:01: Das ist die Phase der Organ- und Extremitätenbildung.

00:29:05: Viele Frauen wissen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht dass sie schwanger sind.

00:29:10: Stellt euch die Situation dieser Frauen im Jahr nineteenhundertsechzig vor!

00:29:16: Es gab keinen schnellen Test aus dem Drogeriemarkt,

00:29:20: den man mal eben morgens im Bad machte.

00:29:23: Wer Gewissheit wollte, musste zum Arzt – und selbst der konnte oft nur raten!

00:29:30: Wenn die Frauen sich morgens elend fühlten, wenn der Kreislauf schwach war —die vegetative Distonie von der wir sprachen— dann dachte man oft an Überlastung oder eine nervöse Störung….

00:29:42: Man griff zur bunten Packung kontagahn um die Übelkeit zu bekämpfen, genau in jenen Tagen, in denen im Verborgenen die Gliedmaßen des Kindes angelegt wurden.

00:29:56: Aber Thalidomit verursacht eben nicht nur die Verkürzung oder das Fehlen von Armen und Beinen!

00:30:03: Man sieht schwere Fehlbildungen der Ohren bis zur Taubheit, Augenfehlbildung, Herzseptumdefekte – also defektete Herzscheidewand und schwere Schäden an Nieren- und Magendarmtrakt.

00:30:18: Sogar Gesichtsnafenlähmungen treten auf, etwa vierzig Prozent der betroffenen Kinder sterben kurz nach der Geburt.

00:30:27: Wenn wir über die medizinischen Schäde sprechen dürfen wir eine Wunde nicht vergessen, die oft tiefer saß als die körperliche Versiertheit – die soziale Ausgrenzung!

00:30:40: In den frühen sechziger Jahren war Deutschland eine Gesellschaft, die Perfektion einforderte und das andere am liebsten wegsperrte.

00:30:51: Die Kinder, die durch Kontagarn geschädigt wurden, stießen auf einem Mauer aus Mitleid, Abscheu und offener Diskriminierung.

00:31:01: Man nannte sie in der Nachbarschaft Kontagarkrüppel oder Monster.

00:31:09: Das Wort Behindert war damals noch gar nicht gebräuchlich.

00:31:13: Man sprach stattdessen von Missgeburten!

00:31:18: Die Diskriminierung begann oft schon im Kreißsaal, Hebammen und Ärzten wurde damals geraten den Müttern den Anblick ihrer Neugeborenen zu ersparen.

00:31:29: Man legte die Kinder in dunkle Nebenzimmer, behandelte sie wie einen Fehler der Natur, den man am besten umgeschehen machen sollte... Den Eltern wurde mit einer unfassbaren Kälte nahegelegt, ihr Kind in ein Heim abzugeben.

00:31:46: Der Tenor war – belasten Sie Ihr Leben nicht mit diesem Unglück!

00:31:51: Es wurde Ihnen regelrecht abgesprochen, daß sie zu diesen lebensunfähigen Wesen eine emotionale Bindung aufbauen könnten.

00:32:02: Wer sich als Elternteil entschied sein Kind zu behalten und Zuhause aufzuziehen musste einen

00:32:09: einsamen

00:32:10: Kampf führen.

00:32:12: Spielplätze wurden geräumt, wenn ein Kontagarkind erschien.

00:32:16: Schulen weigerten sich oft diese Kinder aufzunehmen – nicht wegen ihrer geistigen Wehigkeiten die völlig normal waren, sondern wegen ihres Anblicks!

00:32:28: Sie wurden wie eine lebendige Mahnung behandelt, die man am liebsten hinter hohen Mauern versteckt hätte.

00:32:35: Diese Kinder mussten nicht nur lernen ohne Arme oder Beine den Alltag zu meistern.

00:32:42: Sie mussten vor allem lernen, in einer Welt zu überleben, die ihnen jeden Tag das Gefühl gab, falsch zu sein!

00:32:51: Diese psychische Stigmatisierung hat eine ganze Generation gezeichnet und den Weg der Betroffenen zur Selbstbestimmung und Würde zu einem heroischen Kraftakt gemacht.

00:33:04: Aber es sind nicht nur die körperlichen und sozialen Einschränkungen allein mit deren Bewältigung sich die betroffenen Familien konfrontiert sahen.

00:33:14: Es gab keinerlei Unterstützung, keine Pflegeversicherung, keine Übernahme von Hilfsmitteln, keine Kindergärten, Schulen und Universitäten mit Inklusion und behinderten gerechter Architektur – ganz im Gegenteil!

00:33:31: Die Familien sowieso schon finanziell kräftemäßig und emotional am Anschlag mussten für ihre Kinder auch noch doppelte Krankenversicherungsbeiträge zahlen, weil sie ja behindert waren.

00:33:47: Während die Familien also um jedes Quäntchen Normalität ringen müssen, verhält sich Chemie Grünen-Tal juristisch Jahrzehnte lang defensiv.

00:33:58: Der Prozess beginnt in der ersten großen Strafkammer des Landgerichts Aachen.

00:34:06: Neun angeklagte Sitzen wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung, fahr lässiger Tötung und schweren Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz auf der Anklagebank.

00:34:20: Darunter der geschäftsführende Gesellschafta, der wissenschaftliche Direktor, der Geschäftsführer, der kaufmännische Leiter, der Prokurist- und Vertriebsleiter der Leiter des wissenschaftlichen Außendienstes sowie ein Arzt und Prokurist, der dem unternehmensinternen Kontaganausschuss angehört hat.

00:34:44: Wie so oft in solchen Fällen ist es ein ungleicher Kampf!

00:34:50: Auf der einen Seite die Angeklagten – einen potenten Konzern im Rücken, vertreten von insgesamt zwanzig Strafverteidigern die sämtliche juristische Möglichkeiten bis hin zu Verfassungsbeschwerden nutzen.

00:35:06: Auf der anderen Seite, dreihundert zwölf Nebenkläger vertreten unter anderem von einem Rechtsanwalt, der Selbstvater eines kontagangeschädigten Kindes ist.

00:35:18: Es werden insgesamt hundherzwanzig Zeugen gehört und ich frage mich Warum nur hundharzwanzich?

00:35:29: Nachdem ein Beisitzender Richter bei einem Gespräch mit einem der Grünen-Teilverteidiger erwischt wird, muss dieser als Befangen zurücktreten.

00:35:39: Das alles hilft aber nicht – ganz im Gegenteil!

00:35:44: Man muss sich die damalige Zeit vor Augen halten um zu begreifen wie der Prozess abläuft.

00:35:51: Ende der nineteenhundertsechziger Jahre?

00:35:54: Ein Gerichtssaal geprägt von einer erstarten, autoritären Ordnung, von dunklen Anzügen steifen Regeln und einer fast pedantischen Vorstellung von Würde.

00:36:08: Würde allerdings meint damals vor allem die Würde der Angeklagten, der Institutionen des Verfahrens – nicht

00:36:18: die der Opfer!

00:36:20: In diesem Setting werden kontagangeschädigte Kinder aus dem Gerichtssaal verwiesen.

00:36:26: Die offizielle Begründung klingt geschniegelt und korrekt.

00:36:30: Man wolle das Verfahren nicht emotional beeinflussen, Zeugen nicht irritieren, die Ordnung warnen.

00:36:38: Was tatsächlich passiert ist etwas anderes!

00:36:42: Die sichtbare Realität der Tat

00:36:44: – die Körper der Kinder,

00:36:47: ihre Vielbildungen, ihre bloße Anwesenheit – ist zu verstörend für ein Verfahren

00:36:54: dass sich als sachlich, rational

00:36:58: und kontrolliert

00:36:59: inszenieren will.

00:37:01: Die Kinder passen nicht ins Bild!

00:37:04: Sie stören die Illusion,

00:37:06: das man hier abstrakt

00:37:08: über Gutachten, Kausalitäten- und Paragrafen verhandle – und nicht über zerstörte Leben.

00:37:16: Aus heutiger Sicht ist es kaum erträglich.

00:37:21: Die Betroffenen mussten die Einschränkungen ein Leben lang ertragen, aber dem Gericht war es nicht zuzumuten den Verhandlungsgegenstand wenn man so will vor Augen geführt zu bekommen.

00:37:35: Wie du Kind Lenz

00:37:36: der den Zusammenhang zwischen Contagarn und den Fehlbildung aufgedeckt hat wird als Gutachter wegen Befangenheit abgelehnt.

00:37:46: Es kommt wie es kommen musste.

00:37:49: Nach zweihundertdreiundachtzig Verhandlungstagen stimmen die entkräfteten Eltern einem Vergleich zu.

00:37:57: Grüntal

00:37:58: zahlt einhundert Millionen D-Mark in eine Stiftung, im Gegenzug verzichten die Eltern auf alle weiteren

00:38:06: Ansprüche.

00:38:09: Die Strafverfahren gegen die Angeklagten werden eingestellt.

00:38:14: Begründung mangelndes öffentliches Interesse

00:38:17: an der StrafVerfolgung.

00:38:20: Die Prozesskosten kann Grünental von der Steuer absetzen.

00:38:25: Wie viel der Konzern mit Kontagon verdient

00:38:27: hat,

00:38:28: ist bis heute unbekannt.

00:38:32: Aber was bedeutet der Vergleich für die Opfer?

00:38:36: Zunächst erhalten Sie mit hundert- bis fünfhundert Mark lächerlich kleine Renten!

00:38:43: Der Bund

00:38:44: Also die Steuerzahler und damit auch die Opfer selbst, stocken das Stiftungsvermögen nach und nach noch um weitere dreihundertzwanzig Millionen Euro auf.

00:38:57: Seit Mai nineteenhundertsiebenundneunzig werden die Renten vollständig aus dem Bundeshaushalt gezahlt, da die dafür vorgesehenen Stiftungsmittel aufgebraucht sind.

00:39:09: Kosten für den Steuerzahnler seit etwa fünfunddreißig Millionen

00:39:15: Euro.

00:39:17: Seit zwei tausend acht erhalten die Kontagangeschädigten bis zu eintausend neunzig Euro Rente Grünntal, wie das Unternehmen inzwischen heißt zahlt freiwillig noch einmal zusätzliche Fünfzig Millionen Euro ein.

00:39:34: Zwei Tausend Dreizehn werden die Renten noch einmal deutlich angepasst auf bis über sechstausend Euro für Schwerstgeschädigte.

00:39:45: Das klingt gut, aber wir müssen natürlich bedenken das inzwischen zweiundfünfzig Jahre

00:39:52: ins Land gegangen

00:39:53: sind.

00:39:55: Übrigens ein Wiederaufnahmeverfahren gilt als praktisch ausgeschlossen.

00:40:02: Anfang Zwei-tausendsechzehn gab der Bundesverband Kontagangeschädigter auf seiner Internetseite an dass in Deutschland noch etwa zwei Tausend Vierhundert Kontergarn geschädigte Leben.

00:40:16: Viele der gesundheitlichen Folgen zeigen sich

00:40:19: erst spät,

00:40:20: oft Jahrzehnte nach der Geburt.

00:40:22: Was im jungen Jahren noch mit Kraft Beweglichkeit und Improvisation ausgeglichen werden konnte wird im Alter zunehmend zum Problem.

00:40:35: Durch die fehlenden oder verkürzten Gliedmaßen haben Betroffene ihren Körper ein Leben lang anders benutzt als vorgesehen.

00:40:45: Schultern, Wirbelsäule und Gelenke wurden überlastet Bewegungen kompensiert Haltungen erzwungen.

00:40:53: Die Folge sind heute bei vielen schwere Verschleißerscheinungen Konische Schmerzen Arthrosen Und zunehmende Bewegungseinschränkungen.

00:41:04: Hinzu kommen Nervenschäden, Kraftverluste und Sensibilitätsstörungen die sich mit den Jahren verstärken.

00:41:13: Auch innere Organe können betroffen sein

00:41:15: –

00:41:16: etwa durch Fehlhaltung, die Atmung und Herzbelasten.

00:41:21: Gleichzeitig nimmt die Selbstständigkeit im Alltag ab.

00:41:25: Tätigkeiten, die früher möglich waren werden beschwerlich oder unmöglich.

00:41:31: Der Bedarf an Hilfsmitteln und Assistenz steigt.

00:41:36: Diese Spätfolgen sind keine neue Erkrankung, sondern die späte Rechnung jahrzehntelanger Überanpassung.

00:41:45: Für viele Betroffene beginnt damit ein zweiter oft besonders belastender Abschnitt ihres

00:41:51: Lebens

00:41:52: – körperlich, psychisch und sozial.

00:41:58: Und während die Opfer weiterhin um Entschädigungen kämpfen bleibt das Erstaunlichste für viele unsichtbar.

00:42:06: Thalidomit ist nie vom

00:42:08: Markt verschwunden.

00:42:33: die gegensätzlicher kaum sein könnten.

00:42:37: Als Nebenwirkung verhindert das Präparat bei ungeborenen Kindern die Ausbildung von Gliedmaßen, als therapeutische Wirkung kann es bei Libra-Kranken genau das verhindern

00:42:51: –

00:42:52: den Verlust von Händen, Füßen, Armen und Beinen.

00:42:58: Aber so einfach ist auch diese Anwendung nicht!

00:43:02: Thalidomit ist damals fast das einzig wirklich wirksame Mittel gegen schwere Entzündungsschübe bei Lebra.

00:43:11: Aber die Warnhinweise auf den Packungen werden nicht ernst genug genommen oder missverstanden.

00:43:18: So denken viele

00:43:19: Frauen,

00:43:20: dass sie mit einem roten Verbotskreuz versehende Abbildung einer Schwangerin bedeute – dass das Präparat für einen Schwangerschaftsabbruch gedacht

00:43:30: sei!

00:43:32: Frauen in der Frühschwangerschaft nehmen es also gezielt ein und bringen eine zweite Generation geschädigter Kinder zur Welt.

00:43:41: Hunderte, möglicherweise deutlich mehr werden so erneut Opfer des Wirkstoffs.

00:43:50: Heute ist Brasilien zwar immer noch einer der weltweit größten Verbraucher des Mittels aber das Land hat eines der strengsten Kontrollsysteme der Welt aufgebaut.

00:44:02: Die Tabletten gibt es nicht mehr in der normalen Apotheke um die Ecke.

00:44:07: Sie werden ausschließlich in staatlichen Laboren produziert und nur über das öffentliche Gesundheitssystem verteilt.

00:44:16: Jede Frau im gebärfähigen Alter muss heute zwei verschiedene Verhütungsmethoden nachweisen, und regelmäßige Schwangerschaftstests

00:44:26: machen

00:44:27: – bevor sie eine einzige Tablette bekommt!

00:44:32: Und die Warnbilder, die sind heute unmissverständlich und werden durch intensive Beratungsgespräche ergänzt.

00:44:42: So bleibt Thalidomid bis heute ein Medikament mit zwei Gesichtern

00:44:46: –

00:44:47: für die einen ein medizinisches Monster, für die anderen bei richtiger Anwendung

00:44:54: der einzige

00:44:55: Schutz vor einem Leben in unerträglichen Schmerzen!

00:45:00: Und genau hier stehen wir heute vor einem moralischen Drahtseilakt, der kaum aufzulösen ist.

00:45:08: Auf der einen Seite steht die Weltgesundheitsorganisation, die seit Jahren sagt – Wir brauchen dieses russkante Mittel eigentlich nicht mehr!

00:45:18: Es gibt moderne Antibiotika und Cortison.

00:45:22: Doch in den Libreambulanzen Brasiliens sieht die Realität oft

00:45:27: anders aus….

00:45:29: Für die Ärzte dort ist Thalidomit kein Gift aus der Vergangenheit, sondern die letzte Rettung für Patienten, deren Körper durch die Entzündungsstübe förmlich von innen verbrennen.

00:45:44: Wenn Cortison versagt und die Schmerzen unerträglich werden, ist Thalidomit das einzige Medikament, dass die Qualen innerhalb von Stunden stoppen.

00:46:00: Es ist ein zutiefst tragischer Konflikt.

00:46:04: Man setzt ein Medikament ein, das Leben retten und Leid lindern kann

00:46:10: –

00:46:11: aber gleichzeitig hat das Potenzial die nächste Generation zu zeichnen.

00:46:17: Ein Dilemma zwischen dem Recht auf ein schmerzfreies Leben heute.

00:46:27: Aber die Geschichte von Thalidomit endet nicht in den Lebra-Kolonien.

00:46:33: In den Neunzehnhundertneunzigerjahren geschieht etwas, das fast wie Ironie des Schicksals wirkt.

00:46:41: Der Wirkstoff feiert ein spektakuläres Comeback in der westlichen Onkologie.

00:46:47: Forscher entdecken nämlich, dass genau die Eigenschaft –die für die Fehlbildungen bei Embryonen verantwortlich ist- im Kampf gegen den Krebs eine mächtige Waffe sein kann.

00:47:01: Thalidomit ist ein sogenannte Angionesehemma Das bedeutet er verhindert das Tumore neue Glutgefäße bilden.

00:47:12: Er hungert sie schlichtweg

00:47:14: aus.

00:47:15: Besonders bei Multiple Myolom, einer bösartigen Krebserkrankung des Knochenmarks führte das zu einem medizinischen Durchbruch.

00:47:25: Plötzlich ist das einstige Schreckensmittel wieder da – diesmal als Hoffnungsträger in der Krebstherapie.

00:47:34: Heute zusammen mit seinen modernen Nachfolgestoffen, ein Standardmedikament das die Lebenserwartung von Krebspatienten massiv verlängert hat.

00:47:46: Es bleibt dabei die wohl widersprüchlichste Substanz der Medizingeschichte – Ein Wirkstoff, der Leben zerstört hat und heute Leben rettet!

00:48:00: Dass Thalidomit heute wieder eingesetzt werden darf liegt vor allem an einem der strengsten Kontrollsysteme der Medizingeschichte.

00:48:10: In Deutschland ist der Wirkstoff nicht einfach ein Medikament, er ist ein Hochsicherheitsprojekt – man bekommt ihn nicht auf einen normalen Rezept sondern nur auf dem sogenannten Tee-Rezept.

00:48:25: Das ist ein amtliches Dokument mit Durchschlag von dem jede einzelne Verschreibung direkt beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte registriert wird.

00:48:39: Das System dahinter ist eine lückenlose Sicherheitskette, die Rezepte sind nur sechs Tage gültig – und für Frauen im gebärfähigen Alter ist die Pillenmenge auf vier Wochen begrenzt.

00:48:54: Bevor das nächste Rezept ausgestellt wird muss ein medizinisch überwachter Schwangerschaftstest vorliegen!

00:49:03: und weil der Wirkstoff sogar in die Samenflüssigkeit übergeht, gilt eine strikte Kondompflicht für männliche Patienten.

00:49:12: Ich glaube man muss sich nicht wundern, dass dieses Thema nach wie vor äußerst kontrovers diskutiert wird.

00:49:21: Kommen wir zurück zu den Hauptleittragenden des Kontergarnskandals!

00:49:26: Wie geht

00:49:26: es Ihnen heute?

00:49:29: Die Aufarbeitung eines Geschehens von solcher Tragweite braucht mehr als Zeit und Akten.

00:49:36: Sie steht auf zwei Säulen, die einander nicht ersetzen können.

00:49:42: Zum einen braucht es eine verlässliche und ausreichend bemessene Entschädigung.

00:49:48: Sie ist die praktische Anerkennung dessen was Betroffene ein Leben lang tragen

00:49:53: müssen –

00:49:55: körperlich, gesundheitlich und sozial.

00:49:59: Hilfe, die zu knapp bemessen oder immer wieder neu erkämpft werden

00:50:04: muss,

00:50:05: verfehlt ihr Ziel.

00:50:08: Sie wirkt nicht entlastend sondern hält das Unrecht präsent.

00:50:14: Erst wenn Unterstützung dauerhaft und dem tatsächlichen Bedarf angemessen ist entsteht ein Mindestmaß an Sicherheit.

00:50:25: Zum anderen braucht es öffentliche Anerkennung des Leids.

00:50:31: Viele Verletzungen sind nicht nur körperlich oder materiell, sondern entstehen aus jahrzehntelangen Schweigen, relativieren und wegsehen.

00:50:43: Erst wenn Verantwortung benannt wird, wenn Betroffene gehört und ihr Leid ausdrücklich anerkannt wird kann Bitterkeit durch mentale Kraft ersetzt

00:50:55: werden.

00:50:57: Ohne diesen Schritt bleibt selbst großzügige Unterstützung Unvollständig.

00:51:04: Beides gehört zusammen, finanzielle Hilfe ohne Anerkennung bleibt distanziert.

00:51:11: Anerkennen ohne ausreichende Unterstützung

00:51:15: bleibt folgenlos.

00:51:17: Erst im Zusammenspiel von beidem kann Aufarbeitung mehr sein als Verwaltung eines Skandals – nämlich ein ernst gemeinter

00:51:26: Versuch

00:51:27: Gerechtigkeit herzustellen!

00:51:30: Doch bei all dem Leid und der institutionellen Kälte dürfen wir eines nicht übersehen.

00:51:38: Die Geschichte der Kontagonbetroffenen ist nicht nur eine Geschichte des Schadens, es ist vor allem eine Geschichte von unglaublicher Resilienz.

00:51:49: entgegen aller damaligen Prognosen die diesen Kindern eine Lebensunfähigkeit attestierten haben viele von ihnen sich ein zutiefst erfülltes und erfolgreiches Leben erkämpft.

00:52:03: Sie sind heute gestandene Persönlichkeiten, sie sind Juristen, Künstler, Handwerker oder Lehrer geworden.

00:52:12: Sie haben Familien gegründet und Kinder großgezogen.

00:52:17: Sie mussten in einer Welt die nicht für sie gebaut war jeden Tag kreative Lösungen finden – und sie haben es getan!

00:52:27: Wenn wir heute auf diese Generation blicken dann sehen wir Menschen, die ihre Würde nie aus der Hand gegeben

00:52:34: haben.

00:52:35: Obwohl man es ihnen am Anfang so schwer gemacht hat!

00:52:40: Ihr Erfolg ist die stärkste Antwort auf die Ignoranz der neunzehntundertfünfziger Jahre.

00:52:48: Mehr als fünfzig Jahre lang blieb eine Entschuldigung aus.

00:52:52: Am einund dreißigsten August zwetausendzwölf veröffentlichte der Hersteller Grünen-Tal erstmals eine öffentliche Erklärung, die sich ausdrücklich an die Kontagangeschädigten richtete.

00:53:07: Der damalige Geschäftsführer wählte dafür den Weg einer schriftlichen Stellungnahme – verbreitet über die Unternehmenswebzeit und die Presse.

00:53:19: Darin bad das Unternehmen erstmals nicht nur allgemein um Verständnis sondern um Vergebung.

00:53:27: Wörtlich

00:53:28: hieß es

00:53:30: Wir bitten die Kontagangeschädigten um Vergebung für das Leid, dass ihnen durch Kontagan zugefügt worden ist.

00:53:39: Es war kein juristisches Schuld an Erkenntnis – aber es war die

00:53:43: erste

00:53:44: explizite Bitte-umverzeihung in der Geschichte des Unternehmens mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Markt Rücknahme des Medikaments und Jahrzehnte nach dem Ende des

00:53:57: Strafprozesses.".

00:54:01: Für viele Betroffene kam diese Erklärung

00:54:04: spät.

00:54:06: Für manche zu spät.

00:54:11: Das war Geschichten der Medizin, wo Vergangenheit

00:54:16: Forschung

00:54:17: und menschliche Schicksale aufeinandertreffen Ob weltbewegend oder

00:54:23: ganz persönlich.

00:54:25: Die nächste Geschichte

00:54:26: wartet schon.

00:54:28: Bis dahin

00:54:30: bleibt gesund.

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